So sieht „minimale Waldinanspruchnahme" aus
Diese Bilder sind gestern entstanden, auf dem Brombeerkopf bei Stegen. Sie zeigen die Baustelle für zwei Windenergieanlagen — genehmigt am 29. Oktober 2024 gegen das schriftliche Nein der eigenen Naturschutzbehörde, gegen das zweifache Nein des Gemeinderats Stegen und gegen die massiven Bedenken des Fachbereichs Bodenschutz, der die eingereichten Unterlagen für mangelhaft erklärt hatte.
Die Gemeinde Stegen hatte in ihrer Stellungnahme vom Dezember 2023 eine „minimale Waldinanspruchnahme" gefordert. Der Landschaftspflegerische Begleitplan sprach von temporären Eingriffen. Die Genehmigung versprach Ausgleich und Wiederherstellung. Was davon auf dem Berg angekommen ist, zeigen diese Aufnahmen — unkommentiert wären sie deutlich genug, aber einige Details verdienen den zweiten Blick.
Was hier zu sehen ist, ist keine Durchforstung und kein Wegebau im forstlichen Sinn. Es ist die vollständige Beseitigung eines Waldbodens. Die Wurzelstöcke wurden nicht belassen, wie es bei regulärer Holzernte geschieht — sie wurden mitsamt dem Wurzelwerk aus dem Hang gerissen und liegen zu Bergen aufgetürmt am Rand der Trasse. Damit ist genau die Struktur zerstört, die den Hang zusammenhält und das Wasser speichert: Das Wurzelgeflecht, das Niederschlag verlangsamt und in den Boden leitet, existiert auf diesen Flächen nicht mehr. Der Humus ist abgeschoben, darunter liegt blanker Hangschutt — jenes Material, durch das das Sickerwasser nun ungebremst und ungefiltert in Richtung der Quellfassungen läuft, deren Schutz die Genehmigung selbst zur Bedingung gemacht hat.
Die Wegtrasse ist frisch geschottert. Jeder Quadratmeter dieser Schotterfläche ist dauerhaft verdichtet und für die Grundwasserneubildung verloren.
344 Meter vom Rand dieser Rodung entfernt liegt der Bannwald Conventwald, in dem seit 1991 eine der sieben Level-II-Intensivmonitoringflächen Baden-Württembergs betrieben wird — Teil eines europaweiten Netzes, das die Wirkung von Stoffeinträgen auf Waldökosysteme misst. Was diese Messreihen über drei Jahrzehnte belegt haben, ist für das, was auf diesen Bildern zu sehen ist, von unmittelbarer Bedeutung. In einem geschlossenen Waldbestand ist Stickstoff aus Landwirtschaft, Verkehr und Industrie über Jahrzehnte im Humus gebunden; das System hält ihn fest, weil die Bäume ihn über die Wurzeln aufnehmen und der Boden kühl, schattig und feucht bleibt, sodass die abbauenden Bodenorganismen langsam arbeiten. Fällt das Kronendach weg, kippt dieses Gleichgewicht binnen kürzester Zeit: Es gibt keine Wurzeln mehr, die Stickstoff entziehen, die Sonne erwärmt den offenen Boden um mehrere Grad, und die Bakterien wandeln den Vorrat aus Jahrzehnten beschleunigt in Nitrat um. Nitrat aber ist ein negativ geladenes Ion, das von den ebenfalls negativ geladenen Bodenpartikeln praktisch nicht festgehalten wird — es ist vollständig wasserlöslich und wandert mit jedem Niederschlag ungebremst nach unten. Gleichzeitig kommt mehr Wasser im Boden an, weil kein Kronendach mehr etwas abfängt. Mehr Sickerwasser, mehr gelöstes Nitrat, keine Wurzeln, die noch etwas zurückhalten könnten: Das Ergebnis ist ein direkter Eintrag ins Grundwasser, gemessen in Lysimetern unter den Versuchsflächen des Conventwalds, dokumentiert seit den neunziger Jahren. Das Entscheidende daran ist der Maßstab: Die Forschung hat diesen Effekt bereits für kleine Lücken im Bestand nachgewiesen — für Situationen also, in denen der Wald ringsum noch steht, die Wurzeln der Nachbarbäume weiterarbeiten und die Fläche innerhalb weniger Jahre wieder zuwächst. Am Brombeerkopf gibt es keine Lücke. Dort ist der Bestand auf der Trasse restlos beseitigt, die Wurzelstöcke sind aus dem Hang gerissen, der Humus ist abgeschoben, und auf den geschotterten Flächen wird auch in zwanzig Jahren nichts nachwachsen. Was die Wissenschaft für den kleinen Fall belegt hat, tritt hier im Maximalfall ein — dauerhaft, unumkehrbar, und ausgerechnet im Einzugsgebiet jener Quellfassungen, deren Schutz die Genehmigung selbst zur Bedingung erhoben hat: „Eine Beeinträchtigung der Wasserversorgung Hintereschbach muss unterbleiben." Der Satz steht im Bescheid. Die Bilder zeigen, was daraus geworden ist.
Warum reißt man die Wurzeln raus?
Aus bautechnischen Gründen — und genau das ist der entscheidende Punkt.
Bei normaler Holzernte bleiben die Stöcke im Boden. Sie halten den Hang, verrotten über Jahrzehnte langsam und geben ihre Nährstoffe zurück; das Wurzelgeflecht bleibt noch lange als Armierung im Untergrund wirksam. Für die Forstwirtschaft wäre es sinnlos und teuer, sie herauszureißen.
Im Erd- und Straßenbau gilt das Gegenteil. Organisches Material darf unter einer Tragschicht nicht bleiben, weil es verrottet. Wo ein Wurzelstock zerfällt, entsteht nach einigen Jahren ein Hohlraum, der Untergrund sackt punktuell ab, die Fläche verliert ihre Ebenheit und Tragfähigkeit. Bei einer Kranstellfläche ist das nicht tolerierbar: Ein Raupenkran, der eine 229 Meter hohe Anlage aufrichtet, bringt mehrere hundert Tonnen auf den Boden und verlangt eine millimetergenau ebene, setzungsfreie Unterlage. Dasselbe gilt für die Zuwegung, über die Turmsegmente, Maschinenhaus und Rotorblätter mit Schwerlasttransportern bewegt werden. Deshalb wird gerodet im bautechnischen Sinn: Stöcke ziehen, Oberboden abschieben, mineralischen Untergrund freilegen, verdichten, schottern.
Und deshalb sagen diese Bilder mehr aus, als sie auf den ersten Blick verraten. Man reißt keine Wurzelstöcke aus einem Steilhang, wenn ein Eingriff temporär sein soll. Der Aufwand lohnt sich nur für eine Fläche, die dauerhaft tragfähig bleiben muss. Wer die Stöcke zieht, plant nicht mit Wiederbewaldung — er baut ein Fundament für Jahrzehnte. Der Landschaftspflegerische Begleitplan spricht von temporären Eingriffen. Der Bagger spricht eine andere Sprache.
An den Rändern der Rodungsflächen stehen die verbliebenen Bäume nun frei — Fichten, die im geschlossenen Bestand aufgewachsen sind und deren Stämme nie Wind ausgesetzt waren. Jeder Förster weiß, was das bedeutet: Die freigestellten Randbäume sind die ersten Opfer des nächsten Sturms. Die Rodungsfläche von heute ist der Windwurf von morgen, und aus der genehmigten Eingriffsfläche wird Jahr für Jahr eine größere.
Das ist der Zustand im Juli 2026 — vor dem Aufbau der Anlagen, vor den Kranstellflächen, vor den Fundamentgruben, in die mehrere hundert Kubikmeter Stahlbeton eingelassen werden, von denen der größte Teil nach gesetzlicher Lage für immer im Berg bleiben wird. Was auf diesen Bildern zu sehen ist, ist erst der Anfang.
Wer wissen will, was in den Gutachten zu diesem Vorhaben wirklich steht — die Grenzwertüberschreitungen beim Schattenwurf, die Schallprognose auf Basis einer Geländebegehung von 2013, das Nein der Naturschutzbehörde, das überstimmte Votum der Gemeinde —, findet die vollständige Analyse hier: Brombeerkopf: Die Gutachten im Kreuzfeuer
https://adrian-kempf.de/brombeerkopf-die-gutachten-im-kreuzfeuer/
Die Natur hat keine Stimme. Aber sie hat Zeugen.
Nutzungs- und Zitatgenehmigung
Die vollständige oder auszugsweise Wiedergabe dieses Textes ist mit Quellenangabe gestattet. Bitte verwenden Sie als Quellenangabe: „Adrian Kempf, Kirchzarten“
Der Text darf weitergeleitet, veröffentlicht, in sozialen Medien geteilt oder als Aushang verwendet werden.
Redaktionelle Kürzungen sind zulässig, sofern Sinn und Aussage des Textes nicht verfälscht werden.
Photos: Adrian Kempf
© Adrian Kempf, Kirchzarten im Dreisamtal







































