Eine bis auf den letzten Platz gefüllte Schlosskapelle, kontroverse Wortmeldungen, Vertreter des Freiburger Umweltschutzamtes und überregionaler Landschaftsschutzorganisationen, persönliche Erfahrungsberichte von Anwohnern und zahlreiche Reaktionen im Nachgang: Der Vortrag „Windkraft aus Sicht des Naturschutzes“ am 1. Oktober in Freiburg-Ebnet zeigte vor allem eines – wie groß der Gesprächs- und Informationsbedarf rund um den Windenergieausbau im Schwarzwald inzwischen ist.
Die Schlosskapelle in Freiburg-Ebnet war am Donnerstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Die räumlichen Verhältnisse waren entsprechend eng. Besucher aus Freiburg und dem Dreisamtal waren ebenso gekommen wie Vertreter überregional tätiger Initiativen. Der Landschaftsschutz Westlicher Bodensee e. V. (LWB) war mit einer Abordnung seines Vorstandes vertreten. Auch die LANA war vertreten, unter anderem durch Prof. Dr. Dr. Peter Stoll.
Mein Anliegen an diesem Abend war nicht, dem Publikum vorzugeben, welche Haltung es zur Windenergie einzunehmen hat. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage: Was bedeutet der massive Ausbau der Windenergie konkret für Wald, Natur, Landschaft und die Menschen, die in unmittelbarer Umgebung solcher Anlagen leben?
Der Vortrag behandelte deshalb Waldrodungen und Flächeninanspruchnahme, Zuwegungen und Bodenveränderungen, Fledermäuse und Vögel, Schall und Tonhaltigkeit, Rotorblatterosion und Abrieb, Rückbau und Recycling sowie Rückbaukosten und gesetzliche Rahmenbedingungen. Wo immer möglich, standen nicht Meinungen, sondern Behördenunterlagen, Gutachten, wissenschaftliche Untersuchungen und konkrete Fallbeispiele im Mittelpunkt.
Widerspruch war ausdrücklich erwünscht
Von Beginn an war klar: Auch Menschen, die den weiteren Ausbau der Windenergie ausdrücklich befürworten, sollten zu Wort kommen. Eine kritische Veranstaltung gewinnt nichts dadurch, dass ausschließlich Menschen miteinander sprechen, die ohnehin derselben Meinung sind.
Und diese Diskussion fand statt.
Unter den Gästen befand sich Dr. Sandra Hook vom Umweltschutzamt der Stadt Freiburg. Die Stadt Freiburg führt sie als Abteilungsleiterin der Abteilung „Klimaschutz und Luftreinhaltung“.
Quelle – Stadt Freiburg:
https://www.freiburg.de/pb/-/205348/klimaschutz-und-luftreinhaltung/oe6013861
Dr. Hook widersprach in der Diskussion wesentlichen Schlussfolgerungen meines Vortrags. Sie verwies auf die heißen und trockenen Bedingungen dieses Sommers in Freiburg und im Dreisamtal und stellte diese in Zusammenhang mit dem menschengemachten Klimawandel. Daraus leitete sie die Notwendigkeit eines weiteren Ausbaus der erneuerbaren Energien und damit auch der Windenergie ab.
Dass Hitze und Trockenheit in Freiburg 2026 tatsächlich ein erhebliches Thema waren, dokumentierte auch die Stadt selbst. Im August führte die Dreisam so wenig Wasser, dass die Stadt bei Unterschreiten eines bestimmten Pegels ein Betretungsverbot für einen Flussabschnitt verfügte. Die Stadt führt länger andauernde und extremere Hitze- und Trockenperioden auf den Klimawandel zurück.
Quelle – Stadt Freiburg, Niedrigwasser in der Dreisam:
https://cms7.freiburg.de/pb/2634376.html
Damit lag einer der zentralen Konflikte des Abends offen auf dem Tisch: Wie sind Klimaschutz und unmittelbarer Natur- und Landschaftsschutz gegeneinander abzuwägen, wenn für Windenergieanlagen Waldflächen beansprucht, Wege ausgebaut und Lebensräume verändert werden? Anders formuliert: Wie weit darf man zum Schutz des Klimas unmittelbar in diejenigen Ökosysteme eingreifen, deren Schutz ebenfalls gesetzlich und gesellschaftlich gewollt ist?
Prof. Dr. Dr. Stoll widerspricht – und § 2 EEG wird zum Thema
An diesem Punkt widersprach Prof. Dr. Dr. Peter Stoll von der LANA deutlich. Er kritisierte die aus seiner Sicht politisch und moralisch aufgeladene Priorisierung des Windenergieausbaus und verwies insbesondere auf gesetzliche Veränderungen, durch die erneuerbaren Energien ein außergewöhnlich hoher Stellenwert bei der Abwägung unterschiedlicher Schutzgüter eingeräumt worden ist.
Die Auseinandersetzung hat einen sehr konkreten gesetzlichen Hintergrund. § 2 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) bestimmt, dass Errichtung und Betrieb von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien einschließlich der dazugehörigen Nebenanlagen im „überragenden öffentlichen Interesse“ liegen und der „öffentlichen Gesundheit und Sicherheit“ dienen. Bis die Stromerzeugung in Deutschland nahezu treibhausgasneutral ist, sollen die erneuerbaren Energien außerdem als vorrangiger Belang in die jeweils durchzuführenden Schutzgüterabwägungen eingebracht werden.
Quelle – § 2 EEG, Bundesministerium der Justiz:
https://www.gesetze-im-internet.de/eeg_2014/__2.html
Genau an diesem Punkt prallten zwei grundsätzlich unterschiedliche Gewichtungen aufeinander. Hook betonte die Gefahren des Klimawandels und die daraus folgende Notwendigkeit des Ausbaus erneuerbarer Energien. Stoll stellte dem die Frage gegenüber, welche Folgen eine gesetzlich vorgegebene Vorrangstellung für den klassischen Natur-, Arten-, Landschafts- und Anwohnerschutz hat.
Hook widersprach dieser Kritik deutlich und hielt an ihrer Argumentation fest, dass angesichts des menschengemachten Klimawandels ein weiterer Ausbau erneuerbarer Energien notwendig sei.
Damit war die eigentliche Grundsatzfrage des Abends formuliert. Es geht nicht darum, Klimaschutz und Naturschutz gegeneinander auszuspielen. Es geht darum, was geschieht, wenn beide Schutzinteressen am konkreten Waldstandort miteinander kollidieren und der Gesetzgeber einem der beiden Interessen bereits vor Beginn der Einzelfallabwägung ein besonderes Gewicht zugewiesen hat.
Auch die Kernenergie wurde zum Thema
Mehrfach meldete sich auch Sebastian Müller zu Wort. Während des Vortrags arbeitete er intensiv an seinem Laptop, schrieb mit beziehungsweise recherchierte parallel. Im Verlauf der Diskussion verlagerte sich das Gespräch zeitweise von den unmittelbaren Auswirkungen der Windenergie auf die grundsätzliche Frage möglicher Alternativen.
Müller wandte sich entschieden gegen die Kernenergie und bezeichnete diese sinngemäß als für ihn nicht vertretbare Technologie. Nach meiner Erinnerung äußerte er außerdem, dass in Deutschland das erforderliche wissenschaftliche beziehungsweise technische Personal für Kernenergie heute nicht mehr vorhanden sei.
Gerade solche Aussagen zeigen, weshalb eine offene Diskussion sinnvoll ist. Eine Behauptung wird weder dadurch richtig, dass sie von einem Befürworter der Windenergie stammt, noch dadurch, dass sie von einem Kritiker stammt. Entscheidend ist, ob sie sich überprüfen lässt. Die Frage, über welche kerntechnische Forschung, wissenschaftlichen Einrichtungen und Fachkompetenzen Deutschland heute tatsächlich noch verfügt, ist deshalb ein eigenes Recherchethema und sollte anhand konkreter Einrichtungen und Personalstrukturen überprüft werden.
Bewusst nicht Bestandteil dieser Betrachtung ist die politische oder aktivistische Zuordnung einzelner Diskussionsteilnehmer. Für die sachliche Bewertung eines Arguments ist nicht entscheidend, mit welchen politischen Gruppen jemand Kontakte pflegt, sondern ob seine konkrete Aussage belastbar ist.
„Wie ein- und ausgeschaltet“
Einer der eindringlichsten Momente des Abends entstand allerdings nicht aus einer energiepolitischen Grundsatzdiskussion.
Ein älterer Anwohner meldete sich zu Wort, der nach eigenen Angaben etwa 400 Meter von einer Windenergieanlage entfernt lebt. Er schilderte körperliche Beeinträchtigungen, die er selbst in einen unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem Betrieb der Anlagen bringt. Besonders schlecht gehe es ihm, wenn beide angrenzenden Windenergieanlagen gleichzeitig in Betrieb seien.
Seine Beschreibung war bemerkenswert: Die körperlichen Auswirkungen seien für ihn abhängig vom Anlagenbetrieb wahrnehmbar. Das Auftreten und Nachlassen seiner Beschwerden beschrieb er sinngemäß wie ein Ein- und Ausschalten. Auch bei seinen Hühnern beobachte er auffällige Verhaltensänderungen in Abhängigkeit vom Betrieb der Anlagen.
Ein solcher persönlicher Erfahrungsbericht ist selbstverständlich kein medizinischer oder wissenschaftlicher Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs. Das wurde an diesem Abend auch nicht behauptet. Aber ebenso wenig sollte eine solche Schilderung allein deshalb beiseitegeschoben werden, weil die Ursache zunächst ungeklärt ist.
Hinter abstrakten Begriffen wie Immissionsprognose, Schalldruckpegel, Tonhaltigkeit oder Mindestabstand stehen Menschen, die in unmittelbarer Nähe solcher Anlagen leben. Gerade bei solchen Fällen wäre deshalb interessant, den tatsächlichen Betriebszustand der betreffenden Anlagen zeitlich mit den wahrgenommenen Beschwerden und objektiven Schallmessungen sowie gegebenenfalls Untersuchungen tieffrequenter Geräusche abzugleichen. Erst dann ließe sich untersuchen, ob überhaupt eine reproduzierbare Korrelation besteht und welche physikalische Ursache gegebenenfalls dahintersteht.
Das Freiburger Umweltschutzamt ist als untere Immissionsschutzbehörde unter anderem für Beschwerden über Lärm sowie für die Prüfung zuständig, ob schädliche Umwelteinwirkungen vorliegen.
Quelle – Stadt Freiburg, Immissionsschutzrecht:
https://www.freiburg.de/pb/-/205348/immissionsschutzrecht/oe6009918
Eine weitere Besucherin brachte die Frage schließlich auf einen einfachen Punkt: Wenn Anwohner durch die bestehenden Regelungen tatsächlich ausreichend geschützt seien, warum berichteten Betroffene dann von solchen Belastungen? Auch diese Frage lässt sich weder durch einen persönlichen Erfahrungsbericht beweisen noch mit einem pauschalen Verweis auf bestehende Grenzwerte erledigen. Sie verlangt nach Messung, Dokumentation und Untersuchung.
Die Diskussion war kein Störfaktor – sie gehörte zum Konzept
Gerade die teilweise gegensätzlichen Wortmeldungen machten für mich den Wert dieses Abends aus.
Dass Vertreter unterschiedlicher Positionen anwesend waren und sich zu Wort meldeten, war kein Störfaktor, sondern ein Gewinn. Denn dort, wo Positionen aufeinanderprallen, zeigt sich, welche Aussagen einer Überprüfung standhalten.
Dazu gehörten auch spontane Fragen an das Publikum. Etwa die Frage, um wie viele Dezibel ein Schallpegel steigen muss, damit sich die wahrgenommene Lautheit ungefähr verdoppelt. Antworten kamen unmittelbar aus dem Saal. Ebenso wurde bei der Diskussion über Strommarktdaten aus dem Publikum die Bundesnetzagentur als Betreiberin beziehungsweise verantwortliche Institution hinter SMARD zugerufen.
Auch Humor hatte seinen Platz. Bei der Diskussion über immer weitergehende positive Zuschreibungen zur Windenergie fiel aus dem Publikum sinngemäß der Satz: „Jetzt fehlt nur noch das ewige Leben.“ Der Ausspruch stammte, wie mir später mitgeteilt wurde, ursprünglich von einem Mitglied einer Bürgerinitiative aus dem Münstertal.
Gerade diese Mischung aus Quellen, Fachfragen, persönlichen Erfahrungen, Widerspruch und gelegentlichem Humor hat verhindert, dass aus dem Abend ein zweistündiger Monolog wurde.
Vertreter von LANA und Landschaftsschutz Westlicher Bodensee in Ebnet
Die Veranstaltung war keineswegs nur lokal geprägt. Besonders gefreut hat mich, dass trotz des kurzen Vorlaufs Vertreter überregional tätiger Initiativen den Weg nach Freiburg-Ebnet gefunden hatten.
Der Landschaftsschutz Westlicher Bodensee e. V. war mit einer Abordnung seines Vorstandes vertreten. Bereits vor der Veranstaltung hatte dessen Vorsitzender Philipp von Magnis geschrieben, dass bei der Lektüre meiner Informationsbriefe sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der Außendarstellung weitgehende Überschneidungen aufgefallen seien. Besonders hervorgehoben hatte er dabei einen Punkt: keine politische Vereinnahmung.
Von Magnis kündigte an, gemeinsam mit dem zweiten Vorsitzenden und dem Schriftführer nach Ebnet zu kommen, um den Vortrag zu hören und anschließend das Gespräch zu suchen.
Ebenfalls vertreten war die LANA, unter anderem durch Prof. Dr. Dr. Peter Stoll. Damit saßen an diesem Abend nicht nur Menschen aus Freiburg und dem Dreisamtal in der Schlosskapelle, sondern auch Personen, die sich seit Jahren in anderen Regionen mit Landschaftsschutz und Windenergie beschäftigen.
Gerade diese Beteiligung zeigt, dass die in Freiburg und im Schwarzwald diskutierten Fragen längst nicht auf einzelne Windenergieprojekte beschränkt sind. Eingriffe in Wald und Landschaft, Artenschutz, Schallimmissionen, Rückbaukosten und die gesetzlichen Rahmenbedingungen beschäftigen Initiativen und Fachleute auch andernorts.
„Sauber recherchiert“ – zahlreiche Reaktionen nach dem Abend
Bereits in den Stunden nach der Veranstaltung erreichten mich zahlreiche persönliche Nachrichten.
Otto Kasper, Schriftführer des Landschaftsschutz Westlicher Bodensee e. V., schrieb im Namen des Vereins:
„Im Namen des LWB bedanken wir uns für Ihr Engagement und vor allem für Ihren Mut und Ihre sauber recherchierte Informationsveranstaltung von gestern Abend.“
Er bezeichnete den Umgang mit den kritischen Wortmeldungen am Ende der Veranstaltung als souverän und regte ausdrücklich an, weitere Vorträge folgen zu lassen.
Dabei blieb es nicht bei anerkennenden Worten. Kasper übersandte zugleich aktuelle Informationen zu den Rückbaukosten von Windenergieanlagen und stellte einen Kontakt zu Markus Bihler vom Forum Hegau-Bodensee in Aussicht. Nach seiner Einschätzung könnten sich aus einem Austausch erhebliche Synergien ergeben.
Genau solche Hinweise sind für meine weitere Arbeit besonders wertvoll. Denn die Frage, ob die bei der Genehmigung angesetzten beziehungsweise finanziell abgesicherten Rückbaukosten den tatsächlichen Aufwendungen am Ende der Betriebszeit entsprechen, war bereits Bestandteil meines Vortrags und wird weiter untersucht werden.
„Zum Platzen überfüllt“
Auch Prof. Dr. Dr. Peter Stoll beschrieb den Abend anschließend aus seiner Perspektive. Er sprach von einer „zum Platzen überfüllten Schloßkapelle“ und hob die fachliche, mit Quellenangaben unterlegte Darstellung sowie die anschließende kontroverse Auseinandersetzung hervor.
Er zeigte sich außerdem erfreut darüber, dass trotz des sehr kurzen Vorlaufs zahlreiche fachkundige Mitglieder aus dem Umfeld der LANA sowie Vertreter des Landschaftsschutzes vom Bodensee nach Ebnet gekommen waren. Für ihn war der Abend ein Beispiel dafür, dass das Thema auch außerhalb der unmittelbar von einzelnen Projekten betroffenen Gemeinden auf erhebliches Interesse stößt.
Ein weiterer Besucher äußerte den Wunsch, zunächst abzuwarten, wie der lokale „Höllentäler“ mit Leserbriefen und Reaktionen auf die Veranstaltung umgehen werde. Auch das ist interessant: Die Auseinandersetzung endet nicht an der Tür der Schlosskapelle, sondern setzt sich anschließend in Leserbriefen, Medien und persönlichen Gesprächen fort.
Persönliche Rückmeldungen
Eine weitere Besucherin schrieb mir nach der Veranstaltung, der Vortrag sei für sie in weiten Teilen „Neuland“gewesen. Sie hatte sich am Ende selbst zu Wort gemeldet und dabei einen völkerrechtlichen Aspekt angesprochen. Am folgenden Morgen griff sie außerdem einen aktuellen Bericht über mögliche zusätzliche Forschungsmittel für die Universität Freiburg zur Untersuchung der Auswirkungen des Klimawandels auf Wälder auf und regte ein persönliches Gespräch an.
Andere Zuschriften waren sehr persönlich. Eine Teilnehmerin bedankte sich für den Mut und die Arbeit, die in dem Vortrag gesteckt hätten. Besonders positiv habe sie empfunden, dass Fragen direkt an das Publikum gestellt und Gegenpositionen nicht unterbunden wurden.
Eine weitere Rückmeldung kam von einer Frau, die selbst nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte, deren Vater und Tochter jedoch kommen wollten. Sie schilderte bereits im Vorfeld persönliche Belastungen, die sie mit den Windenergieanlagen am Roßkopf in Verbindung bringt, und wünschte sich, dass auch Menschen mit einer grundsätzlich positiven Haltung zur Windenergie bereit seien, sich mit den vorgelegten Quellen auseinanderzusetzen.
Auch hier gilt dieselbe Trennung, die für den gesamten Vortrag maßgeblich war: Persönliche Wahrnehmungen sind ernst zu nehmen, aber sie ersetzen keinen wissenschaftlichen Nachweis. Sie können jedoch Anlass sein, genauer hinzusehen und konkrete Fragestellungen zu untersuchen.
Aus einem Vortrag entstehen neue Fragen
Besonders interessant sind für mich deshalb auch die fachlichen Fragen, die nach dem Vortrag weiterlaufen.
Ein Besucher, der die Veranstaltung wegen erheblicher Rückenbeschwerden leider vorzeitig verlassen musste, meldete sich anschließend mit einer bemerkenswerten technischen Überlegung.
Er verwies auf die jahrzehntelange Verwendung von glas- und kohlefaserverstärkten Kunststoffen im Segelflugzeugbau. Verbundwerkstoffe werden dort seit Jahrzehnten eingesetzt, ohne dass Rotorblatt-ähnliche Abriebprobleme allgemein im Vordergrund stünden. Gleichzeitig wies er selbst auf den entscheidenden Unterschied hin: Ein Segelflugzeug ist vergleichsweise wenige Stunden im Jahr und normalerweise bei geeigneten Wetterbedingungen unterwegs. Ein Rotorblatt dagegen ist über viele Jahre Regen, Hagel, Staub und anderen Witterungseinflüssen ausgesetzt.
Daraus entwickelte er eine interessante Frage: Könnten Rotorblätter aus Aluminium das Abriebproblem reduzieren und gleichzeitig das Recycling am Ende der Nutzungsdauer vereinfachen?
Sein Ausgangspunkt ist nachvollziehbar. Aluminium verfügt über seit Jahrzehnten etablierte Recyclingwege. Bei großen Faserverbundbauteilen ist die stoffliche Wiederverwertung dagegen technisch wesentlich anspruchsvoller. Gleichzeitig müsste ein Aluminiumrotor aber die enormen mechanischen Anforderungen heutiger Großwindenergieanlagen erfüllen – Gewicht, Ermüdung, Elastizität, Steifigkeit und Millionen wechselnder Lasten.
Damit entstand aus einer einzigen Publikumsfrage bereits ein neues Recherchethema: Welche Materialien wären für zukünftige Rotorblätter denkbar, welche Rolle spielen metallische Schutzsysteme an besonders erosionsgefährdeten Vorderkanten und wie könnte die Recyclingfähigkeit bereits bei der Konstruktion stärker berücksichtigt werden?
Genau solche Fragen zeigen, weshalb der Abend nicht mit der letzten Folie beendet sein sollte.
Ein Abend schafft neue Verbindungen
Vielleicht ist genau das das wichtigste Ergebnis der Veranstaltung.
Menschen haben nicht nur zugehört. Sie haben widersprochen, nachgefragt, eigene Erfahrungen geschildert, weitere Dokumente angeboten, technische Fragen gestellt und Kontakte zu Fachleuten und Initiativen hergestellt.
Aus dem Bodenseeraum kam das Angebot einer engeren Vernetzung. Über die LANA bestanden weitere Kontakte. Hinweise zu Rückbaukosten sollen vertieft werden. Die Frage nach alternativen Rotorblattmaterialien ist hinzugekommen. Erfahrungsberichte von Anwohnern werfen Fragen nach Schallmessungen und Betriebszuständen auf. Und die Auseinandersetzung zwischen Prof. Dr. Dr. Stoll und Dr. Sandra Hook hat noch einmal deutlich gemacht, dass auch die gesetzliche Gewichtung von Klimaschutz, Energieversorgung und klassischem Naturschutz genauer betrachtet werden muss.
Die vielen Zuschriften zeigen zugleich, dass ein erheblicher Bedarf an einer Diskussion über Windenergie besteht, die sich nicht auf die beiden Lager „dafür“ und „dagegen“ reduzieren lässt.
Denn am Ende müssen konkrete Fragen beantwortet werden: Wie groß sind die tatsächlichen Eingriffe in Waldstandorte? Wie zuverlässig funktionieren Schutzmaßnahmen für Fledermäuse und Vögel? Welche Stoffe gelangen durch Rotorblatterosion in die Umwelt? Was geschieht mit Rotorblättern nach zwanzig oder dreißig Jahren? Wie realistisch sind hinterlegte Rückbaukosten? Was sagen Schallprognosen voraus – und was wird später tatsächlich gemessen? Was geschieht mit Beschwerden von Menschen, die unmittelbar neben den Anlagen leben? Und welchen Stellenwert behalten Natur-, Arten-, Landschafts- und Anwohnerschutz, wenn § 2 EEG den erneuerbaren Energien ausdrücklich ein überragendes öffentliches Interesse und Vorrang in Schutzgüterabwägungen zuspricht?
Der Abend war kein Schlusspunkt
Ich danke allen, die an diesem Abend nach Freiburg-Ebnet gekommen sind – ausdrücklich auch denjenigen, die meinen Darstellungen und Schlussfolgerungen widersprochen haben.
Eine offene Diskussion braucht Widerspruch. Sie braucht aber ebenso die Bereitschaft, die eigenen Argumente überprüfen zu lassen.
Mein besonderer Dank gilt den Menschen, die mir anschließend geschrieben, weitere Unterlagen zur Verfügung gestellt, Kontakte vermittelt und neue Fragen aufgeworfen haben. Ebenso danke ich den Vertretern von LANA und Landschaftsschutz Westlicher Bodensee, die teilweise eine erhebliche Anfahrt auf sich genommen haben.
Die Veranstaltung in der Schlosskapelle hat für mich deshalb nicht bewiesen, dass am Ende alle derselben Meinung sein müssen. Das wäre auch nicht ihr Zweck gewesen.
Sie hat etwas anderes gezeigt: Es ist möglich, über Windenergie kontrovers zu diskutieren, Gegenpositionen zu Wort kommen zu lassen und anschließend wieder zu den entscheidenden Fragen zurückzukehren: Was lässt sich messen? Was lässt sich belegen? Was wissen wir – und wo müssen wir genauer hinsehen?
Der Abend in Ebnet war deshalb kein Schlusspunkt. Aus einem Vortrag sind neue Kontakte, neue Dokumente, neue Fragen und neue Recherchen entstanden.
Und genau dort werde ich weitermachen.
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© Adrian Kempf, Kirchzarten im Dreisamtal
