Nebenan versprochen 9,2 Millionen Kilowattstunden, geliefert 5,5
Ohne Subventionen? Das Windrad nebenan auf der Holzschlägermatte hat 2025 rund 218.500 Euro Marktprämie erhalten. Die amtlichen Zahlen stellen die Versprechen für den Hundsrücken infrage.
Im aktuellen Höllentäler (Ausgabe 2/2026) wirbt Oberrieds Bürgermeister Klaus Vosberg für drei Windräder auf dem Hundsrücken zwischen Schauinsland und Rappeneck. Eines davon soll die Gemeinde selbst bauen und betreiben, für rund zehn Millionen Euro. Der Hundsrücken sei eine der windhöffigsten Flächen Süddeutschlands, heißt es dort, Strom lasse sich ohne Subventionen wirtschaftlich gewinnen, und weil beständig Wind wehe, sogar grundlasttauglich. Am 4. November berät der Gemeindeverwaltungsverband Dreisamtal darüber in öffentlicher Sitzung in Oberried. Bevor dort über Baurecht und Gemeindegeld entschieden wird, lohnt ein Blick auf das, was sich nachprüfen lässt.
Zuerst das, was stimmt. Der Windatlas des Landes Baden-Württemberg weist den Kamm des Hundsrückens in 160 Metern Höhe mit einer mittleren gekappten Windleistungsdichte von 515 bis 660 Watt pro Quadratmeter aus, die Flanken mit 375 bis 515. Als geeignet gelten nach Vorgabe des Landes Flächen ab 215 Watt. Der Hundsrücken liegt damit in der zweithöchsten von zehn Klassen. Wer behauptet, dort oben gehe kein Wind, liegt falsch. Einzigartig ist der Standort allerdings nicht: Gfällmatte und Hochfahrn liegen in derselben oder sogar einer höheren Klasse.
Nur ist der Windatlas ein Rechenmodell. Er schätzt, wie viel Energie im Wind steckt, gemittelt über das Jahr und heruntergebrochen auf ein Raster von 30 mal 30 Metern. Wie viel Strom ein Windrad an genau dieser Stelle tatsächlich ins Netz bringt, verrät er nicht. Das zeigen erst echte Betriebsdaten. Und die gibt es, keinen Kilometer entfernt.
Auf der Holzschlägermatte am Schauinsland, in derselben Windatlas-Klasse wie die Flanken des Hundsrückens, steht seit Dezember 2024 eine Enercon E-138 mit 4,2 Megawatt Leistung und 229 Metern Gesamthöhe. Gebaut und betrieben wird sie von der Ökostromgruppe Freiburg – dem Projektpartner der Gemeinde Oberried am Hundsrücken. Angekündigt waren 9,16 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Laut den amtlichen EEG-Bewegungsdaten 2025 des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW hat die Anlage 2025, in ihrem ersten vollen Betriebsjahr, 5,5 Millionen Kilowattstunden eingespeist. Das sind 60 Prozent der Prognose.
Um das einzuordnen, hilft eine einfache Kennzahl: die Volllaststunden. Man teilt den Jahresertrag durch die Nennleistung und erhält die Zahl der Stunden, die das Windrad mit voller Kraft hätte laufen müssen, um diese Strommenge zu erzeugen. Ein Jahr hat 8.760 Stunden. Die Holzschlägermatte kam 2025 auf 1.310 Volllaststunden. Rechnerisch hat sie also 15 Prozent dessen geliefert, was ihr Generator hergibt. Unter den 86 Windrädern, die zwischen 2020 und 2024 in Baden-Württemberg ans Netz gegangen sind, landet sie nach meiner Auswertung der EEG-Jahresdaten auf Platz 77. Die Hälfte dieser Anlagen schaffte 2025 mehr als 1.840 Stunden. Der Windpark Häusern bei St. Blasien, dem der Windatlas deutlich weniger Wind zuschreibt als dem Schauinsland, kam auf 2.217 Stunden.
Über die Gründe will ich nicht mutmaßen. Ein erstes Betriebsjahr kann holpern, und Abschaltungen wegen Fledermäusen, Vereisung oder Netzengpässen kosten Ertrag. Ein schwaches Windjahr allein erklärt den Rückstand jedenfalls nicht, denn die anderen neueren Anlagen im Land haben im selben Jahr im Mittel deutlich mehr geliefert. Die Antwort kennt der Betreiber. Und weil es derselbe Partner ist, der jetzt am Hundsrücken bauen will, gehört sie auf den Tisch, bevor ein Beschluss fällt.
Auch der Blick zurück ernüchtert. Die vier alten Windräder auf dem Roßkopf haben von 2003 bis Februar 2025 laut Badenova zusammen gut 167 Millionen Kilowattstunden erzeugt. Über 21 Jahre gerechnet entspricht das rund 12 Prozent ihrer Leistung. Das war ältere Technik auf einem niedrigeren Berg. Es zeigt aber, wie weit Erwartung und Ernte im Schwarzwald auseinanderliegen können.
Damit zur Grundlast. Grundlastfähig nennt man ein Kraftwerk, das eine zugesagte Leistung rund um die Uhr liefern kann, bei jedem Wetter. Ein Windrad kann das nirgends, auch nicht auf dem windreichsten Gipfel. Der Grund ist physikalisch: Die Leistung des Windes wächst mit der dritten Potenz seiner Geschwindigkeit. Halbiert sich der Wind, bleibt nur ein Achtel der Leistung übrig, und unterhalb von etwa drei Metern pro Sekunde liefert der Rotor gar keinen Strom. Die gefürchteten Dunkelflauten, tagelange windstille Hochdrucklagen im Winter, erfassen zudem meist weite Teile Europas zugleich. Ein Bergrücken im Schwarzwald liegt dann mittendrin. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt wieder die Holzschlägermatte: Im Februar, März und April 2025 lieferte sie jeweils nur fünf bis sechs Prozent ihrer Leistung, im besten Monat, dem Oktober, 29 Prozent.
Der Höllentäler-Artikel widerlegt die eigene Behauptung übrigens selbst. Am Ende heißt es, man denke in Oberried über einen Stromspeicher nach, damit Dunkelflauten überbrückt werden können. Wer Grundlast hätte, bräuchte keinen. Wie groß ein solcher Speicher sein müsste, zeigt eine schlichte Rechnung: Wer nur ein Megawatt drei Tage lang überbrücken will, braucht 72 Megawattstunden nutzbare Kapazität, Verluste nicht eingerechnet.
Bleibt das Versprechen, der Hundsrücken trage sich ohne Subventionen. Dazu muss man wissen, wie neue Windräder heute finanziert werden. Wer eines bauen will, bewirbt sich bei der Bundesnetzagentur in einer Ausschreibung und nennt den Preis pro Kilowattstunde, den er mindestens braucht. Die günstigsten Gebote erhalten einen Zuschlag. Damit ist dieser Preis für 20 Jahre garantiert: Liegt der Börsenpreis darunter, zahlt der Staat die Differenz, die sogenannte Marktprämie. Seit 2023 kommt das Geld dafür aus dem Bundeshaushalt, also aus Steuermitteln.
Ohne Zuschlag baut praktisch niemand.
Für windschwächere Regionen gibt es obendrein einen Ausgleich. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz rechnet Anlagen im Süden mit einem Korrekturfaktor hoch, der bis zu 55 Prozent Aufschlag pro Kilowattstunde bedeutet; der Entwurf für das EEG 2027 will ihn weiter anheben. Trotzdem kommt der Süden kaum zum Zug. Ein Gutachten, das die Windbranche in Bayern und Baden-Württemberg im September 2026 selbst in Auftrag gegeben hat, stellt fest, dass fast 54 Prozent der im Süden genehmigten Windleistung bislang keinen Zuschlag erhalten haben. Wenn süddeutsche Windräder schon mit Förderung kaum mithalten, braucht die Behauptung, am Hundsrücken gehe es ganz ohne, eine belastbare Rechnung. Öffentlich liegt keine vor. Ein Blick in dieselben amtlichen Daten zeigt, wie es beim Nachbarn läuft: Die Holzschlägermatte hat 2025 über das EEG 218.544 Euro Marktprämie erhalten, im Schnitt knapp vier Cent auf jede eingespeiste Kilowattstunde. Subventionsfrei ist also nicht einmal das Windrad nebenan.
Am schwersten wiegt für mich die Frage, was das alles für die Gemeindekasse bedeutet. Zehn Millionen Euro für das kommunale Windrad stehen laut Höllentäler bereits in der mittelfristigen Finanzplanung, finanziert über Kredite. Nach Zins und Tilgung sollen jährlich rund 100.000 Euro übrig bleiben. Eine Überschlagsrechnung: Zehn Millionen Euro, über 20 Jahre zu vier Prozent abbezahlt, kosten rund 736.000 Euro im Jahr, insgesamt etwa 14,7 Millionen. Liefert das Gemeindewindrad so viel wie die Holzschlägermatte im vergangenen Jahr, also 5,5 Millionen Kilowattstunden, bringt das bei sechs Cent pro Kilowattstunde 330.000 Euro, bei acht Cent 440.000 Euro. Es fehlen also 300.000 bis 400.000 Euro im Jahr, bevor auch nur ein Euro für Wartung, Versicherung oder die Rücklage für den späteren Abbau bezahlt ist. Wie Pacht und Gewerbesteuer in die Gemeindekasse fließen sollen, wenn die Gemeinde selbst die Betreiberin ist, bleibt ebenfalls zu erklären. Bemerkenswert ist auch: 2015 hatte der Oberrieder Gemeinderat beschlossen, das Projektrisiko solle der Entwickler tragen. Wer trägt es heute?
Zum Naturschutz nur so viel: Der Hundsrücken liegt im Landschaftsschutzgebiet Schauinsland und wurde wegen des Arten- und Vogelschutzes wiederholt nicht in die Windkraftplanung aufgenommen. Dass schützenswerte Vogelarten bei einer Untersuchung im Auftrag des Projektpartners nicht nachgewiesen wurden, heißt noch nicht, dass sie fehlen. Und jede Abschaltzeit, die ein Gutachten verlangt, senkt den Ertrag – also genau die Zahl, an der die ganze Rechnung hängt.
Und diese Fragen lauten: Warum hat die Holzschlägermatte 2025 nur 60 Prozent ihrer Prognose erreicht, und warum soll es am Hundsrücken, im selben Wind und mit demselben Partner, anders laufen?
Welcher Anlagentyp ist für das Gemeindewindrad vorgesehen, und mit wie vielen Kilowattstunden im Jahr wird gerechnet? Gibt es eine Windmessung am Hundsrücken, wie lange lief sie, in welcher Höhe, und wird sie veröffentlicht? Die Holzschlägermatte erhielt 2025 rund 218.500 Euro Marktprämie – rechnet das Gemeindewindrad mit oder ohne EEG-Zuschlag und Süd-Aufschlag, und bei welchem Strompreis kippt die Rechnung? Wie bleiben nach einer Kreditrate von rund 736.000 Euro jährlich 100.000 Euro übrig, und was geschieht mit dem Haushalt, wenn ein Jahr ein Viertel weniger bringt? Wer trägt dieses Risiko, das 2015 noch beim Entwickler lag? Welche Leistung garantieren die Anlagen bei Windstille, und wie groß und teuer würde der angekündigte Speicher? Welche Abschaltzeiten verlangen die Artenschutz- und Turbulenzgutachten, und sind sie in der Ertragsprognose bereits abgezogen? Und werden Windgutachten und Wirtschaftlichkeitsrechnung vollständig offengelegt, bevor der Gemeindeverwaltungsverband entscheidet?
Niemand bestreitet, dass es auf dem Hundsrücken windig ist. Aber Wind ist noch kein Strom, und eine Prognose ist noch kein Ertrag. Wer zehn Millionen Euro Gemeindegeld einsetzen will, schuldet den Bürgern Zahlen statt Versprechen. Die Sitzung am 4. November in Oberried ist öffentlich. Wen diese Fragen umtreiben, der sollte hingehen.
Quellen:
Höllentäler 2/2026, S. 24 (PDF); Windatlas Baden-Württemberg 2019, Abfrage im Energieatlas BW am 30.10.2026; EEG-Bewegungsdaten und Anlagenstammdaten 2025 von TransnetBW, Anlagenschlüssel E13005010000000005015050739900001 (netztransparenz.de), Vergleichswerte aus einer Zusammenstellung der EEG-Daten aller Übertragungsnetzbetreiber (ww-vb.de), eigene Auswertung der Anlagen ab 1 MW; Projektangaben Ökostrom Freiburg und Badenova; § 36h EEG; Gutachten im Auftrag von LEE Bayern und PEE BW, September 2026 (Kurzfassung); Mitteilungsblatt Oberried, Gemeinderatsbeschluss vom 18.05.2015 (PDF).
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