Kohleabbau bis an die letzte Ruhestätte: Luftaufnahme des Friedhofs von Afonino im russischen Kusbass. Unmittelbar neben den Gräbern erstreckt sich ein großflächiger Kohletagebau. Die Aufnahme aus dem Jahr 2019 verdeutlicht, wie nah der Bergbau an die Lebensräume und Begräbnisstätten der Bevölkerung heranreicht.

Umweltzerstörung, Gesundheitsrisiken und die Verantwortung deutscher Energiekonzerne – eine investigative Journalistin berichtet aus ihrer Heimat im russischen Kusbass.

Die investigative Journalistin Natalia Zubkova stammt aus Kisseljowsk im russischen Kusbass, einer der größten Kohlebergbauregionen der Welt. Über viele Jahre dokumentierte sie die Folgen des Kohleabbaus: zerstörte Landschaften, verschmutzte Luft und Gewässer, gesundheitliche Belastungen der Bevölkerung sowie die unmittelbare Nähe riesiger Tagebaue zu Wohngebieten.

Ihre Recherchen brachten sie zunehmend in Konflikt mit Behörden und Verantwortlichen der Kohleindustrie. Im Zusammenhang mit ihrer journalistischen Tätigkeit wurde sie bedroht und körperlich angegriffen. Das internationale Komitee zum Schutz von Journalisten (Committee to Protect Journalists, CPJ) berichtete bereits im März 2021 über die Angriffe und Morddrohungen gegen sie.

Heute lebt Natalia Zubkova mit einem humanitären Visum in Essen. Nach eigenen Angaben musste sie Russland aufgrund der Verfolgung verlassen, die sie wegen ihrer Umweltrecherchen und journalistischen Arbeit erlebte.

Ihre Geschichte steht im Mittelpunkt des internationalen Dokumentarfilms „Black Snow“ von Regisseurin Alina Simone. Der Film feierte 2024 seine Weltpremiere beim Dokumentarfilmfestival CPH:DOX in Kopenhagen und wurde dort mit dem F:ACT Award ausgezeichnet.

In ihrem Gastbeitrag für Adrian-Kempf.de untersucht Natalia Zubkova, welchen tatsächlichen Preis die vermeintlich billige Kohle aus Russland hatte. Sie beleuchtet die Geschäftsbeziehungen deutscher Energiekonzerne mit russischen Kohleproduzenten und stellt die Frage, wer für die ökologischen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen der Förderung aufkommen musste.

Dabei verbindet sie persönliche Erfahrungen mit umfangreichen Recherchen, wissenschaftlichen Untersuchungen und öffentlich zugänglichen Unternehmensberichten.

Der nachfolgende Gastbeitrag gibt die persönlichen Erfahrungen, Recherchen und Einschätzungen der Autorin wieder.

Bildgalerie: Kohleabbau und Umweltzerstörung im russischen Kusbass

Die zwölf Aufnahmen dokumentieren die Dimensionen des Kohletagebaus im russischen Kusbass und seine unmittelbare Nähe zu Wohngebieten, Landschaften und Friedhöfen. Zu sehen sind gewaltige Abbaugruben, zerstörte Landschaften, Rauch- und Dunstschwaden sowie winterliche Gebiete, in denen sich die Folgen des Bergbaus zeigen.

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Fotos: Archiv Natalia Zubkova

Der zweite Preis der „billigen“ Kohle

Autorin: Natalia Zubkova

Als ich in Kisseljowsk lebte und als Journalistin arbeitete, wusste ich, dass ein großer Teil der Kohle aus dem Kusbass nach Europa ging – unter anderem nach Deutschland. Damals ahnte ich noch nicht, wie genau deutsche Unternehmen diese Lieferungen später selbst in ihren Berichten beschreiben würden. Doch schon in Kisseljowsk sah ich zwei Teile derselben Geschichte.

Auf der einen Seite standen Züge voller Kohle, Geld, Export und Gespräche über die Qualität des Brennstoffs. Auf der anderen stand die Stadt: Die Tagebaue rückten bis an die Häuser heran, der Schnee wurde schwarz, Menschen klagten über Luft und Wasser, und längst nicht jede Familie konnte fortziehen.

Heute lebe ich in Deutschland. Und die Frage, die mich schon im Kusbass beschäftigte, ist für mich nur noch dringlicher geworden: Warum ließen sich der Einkaufspreis und die technischen Eigenschaften der Kohle leichter berechnen als die Bedingungen, unter denen sie gefördert wurde, und der Preis, den die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung bezahlten?

Ich weiß, dass nicht jeder deutsche Leser den Kohleausstieg für vernünftig hält. Auch ich kann Fragen nach dem Zeitplan, der Versorgungssicherheit, den Kosten des Übergangs und den Lösungen stellen, die an die Stelle der Kohle treten sollen. An meinem eigenen Schluss ändert das jedoch nichts. Das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus und später der Verzicht auf russische Kohle gehören für mich zu den besten Entscheidungen, die dieses Land getroffen hat. Zu dieser Haltung bin ich nicht in der Theorie gelangt. Ich habe inmitten dessen gelebt, was der Abbau zurückließ.

Deshalb möchte ich diese Geschichte in ihrer zeitlichen Entwicklung erzählen: wie Kohle aus dem Kusbass nach Deutschland gelangte; was nach Jahrzehnten des Abbaus in der Region zurückblieb; was sich bereits heute im Boden, in der Luft und in der Gesundheit der Menschen erkennen lässt; und welche Verpflichtungen an die nächsten Generationen weitergegeben werden könnten. Das ist keine Anklage gegen den gewöhnlichen deutschen Bürger. Ich möchte zeigen, welche Kosten in den Verträgen fehlten und wer sie tragen musste.

Ich behaupte nicht von vornherein, deutsche Unternehmen hätten Kohle aus dem Kusbass nur wegen ihres niedrigen Preises gewählt. Um das zu belegen, müsste ich die Verträge und die internen Entscheidungen kennen. Diese Unterlagen habe ich nicht. EnBW schrieb außerdem, dass 2021 sowohl der Kohlepreis als auch die Kosten des Einkaufs stiegen. „Billig“ im Titel ist deshalb keine fertige Antwort auf die Frage nach dem Marktpreis. Ich frage, welche Kosten im Preis der Kohle steckten – und welche andere Menschen tragen mussten.

Meine Kohle ging nach Deutschland

Deutschland beendete im Dezember 2018 den eigenen Steinkohlebergbau. Das heißt nicht, dass Deutschland am selben Tag keine Kohle mehr förderte und alle Kohlekraftwerke abschaltete. Braunkohle wurde weiter gefördert. Für das Ende der Stromerzeugung mit Kohle gilt 2038 als gesetzlich spätester Termin. Es sind also drei verschiedene Schritte: das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus, der weiterhin laufende Braunkohleabbau und der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung.Bundesregierung – Ende des SteinkohlebergbausKohleausstieg bis spätestens 2038

Diese Unterscheidung ist mir wichtig. Ich möchte keinen eingängigen, aber falschen Satz schreiben: „Deutschland hat seine gesamte Kohleförderung beendet und den Abbau zu uns verlagert.“ Deutschland beendete den subventionierten Steinkohlebergbau, förderte weiterhin Braunkohle und importierte zugleich Steinkohle.

Doch diese Genauigkeit lässt meine Frage nicht verschwinden. Sie macht sie konkreter. Wenn die eigene Steinkohleförderung endete, woher kam dann der Brennstoff für die verbliebenen Kraftwerke? Was wussten deutsche Käufer über die Förderorte? Und zählten die Umweltfolgen außerhalb Deutschlands beim Einkauf genauso viel wie Preis, Heizwert, Asche- und Schwefelgehalt oder sichere Lieferung?

Wer Kohle aus dem Kusbass kaufte

In deutschen Statistiken lassen sich leicht Millionen Tonnen russischer Kohle finden. Aber „russisch“ bedeutet noch nicht „aus dem Kusbass“. Deshalb trenne ich zwischen dem, was sich unmittelbar belegen lässt, und dem, was die öffentlich zugänglichen Dokumente nicht hergeben.

Die deutlichste Spur hinterließ EnBW. Im Bericht für 2021 erklärte das Unternehmen, die russische Kohle für seine Kraftwerke stamme aus dem Kusnezker Becken, also aus dem Kusbass, und werde hauptsächlich von SUEK und KRU, dem Unternehmen „Kusbassrasresugol“, gefördert. Im Jahr 2021 bezog EnBW 3,57 Millionen Tonnen russische Kohle, 2020 waren es 1,62 Millionen Tonnen.EnBW, Beschaffung 2021, Druckseiten 64–65

Das ist kein einzelner Eintrag. In den EnBW-Geschäftsberichten lassen sich Lieferungen aus Russland für die Jahre 2014 bis 2021 verfolgen; mehrfach nennt das Unternehmen das Kusnezker Becken als Herkunftsort. Die Summe der veröffentlichten Jahreswerte beträgt nach der Zusammenstellung der Autorin 17,81 Millionen Tonnen. Das ist eine Angabe zum von EnBW bezogenen Volumen und keine Schätzung der gesamten deutschen Einfuhr.EnBW-Bericht 20152016201720192021

Unternehmen

Was durch öffentlich zugängliche Dokumente belegt ist

Was diese Dokumente nicht belegen

EnBW

Mindestens 17,81 Mio. t von 2014 bis 2021 nach der veröffentlichten Zeitreihe; das Unternehmen bringt die russische Kohle mit dem Kusbass in Verbindung und nennt SUEK und KRU als wichtigste Produzenten.

Welches Volumen aus welchem einzelnen Tagebau oder Bergwerk stammte.

RWE

Anfang 2022 bestanden noch Verträge über insgesamt 12 Mio. t russische Steinkohle bis 2025. RWE bezifferte die finanziellen Auswirkungen zunächst mit rund 850 Mio. Euro.

Dass alle 12 Mio. t tatsächlich geliefert wurden oder vollständig aus dem Kusbass stammten. (RWE, H1 2022)

Uniper

Im Bericht für 2019 werden 13,8 Mio. t aus direkten Kohleverträgen genannt; auf die Kategorie „Russland und Lettland“ entfielen 35,1 Prozent. Vertreter des Unternehmens besuchten Kisseljowsk.

Die genaue Menge der Kohle aus dem Kusbass und ihre Verteilung auf deutsche Kraftwerke. (Uniper Sustainability Report 2019)

Vattenfall

Ein schwedischer Konzern, der auch in Deutschland tätig war. In Dokumenten zur Lieferkette erscheinen KRU, SUEK und SDS-Ugol unter den zugelassenen russischen Produzenten; 2020 kam ein sehr großer Teil der vom Konzern gekauften Kohle aus Russland.

Dass jede Tonne dieses Gesamtportfolios aus dem Kusbass stammte und für Deutschland bestimmt war. (Vattenfall, Global Hard Coal Market)

STEAG

Das Unternehmen räumte ein, einen kleinen Anteil seiner Kohle aus Russland bezogen zu haben.

Menge und Herkunftsbecken. (STEAG, Lagebericht 2021)

Eine weitere Größenordnung zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage: Von 2017 bis 2021 importierte Deutschland 80,654 Millionen Tonnen russische Steinkohle. Diese Menge lässt sich nicht automatisch auf einzelne Unternehmen und industrielle Verbraucher verteilen – und sie darf auch nicht vollständig dem Kusbass zugerechnet werden. Sie zeigt aber, dass es nicht um vereinzelte Waggons, sondern um eine große und langjährige Abhängigkeit ging.Deutscher Bundestag, Drucksache 20/2515, S. 9

Die russischen Lieferungen endeten nicht einfach als Folge der geschlossenen deutschen Bergwerke. Der direkte Grund war Russlands groß angelegter Krieg gegen die Ukraine und das anschließende Einfuhrverbot der Europäischen Union. Am 8. April 2022 beschloss die EU ein Verbot des Kaufs, der Einfuhr und des Transports russischer Kohle und anderer fester fossiler Brennstoffe. Für ältere Verträge galt eine Übergangsfrist bis zum 10. August 2022. Deshalb liefen einige Lieferungen noch mehrere Monate weiter. EnBW erklärte, bis August vollständig auf andere Kohlequellen umgestellt zu haben. RWE stoppte russische Lieferungen und schrieb den Wert langfristiger Verträge ab. Die Lieferungen endeten also durch das verbindliche Verbot der EU und durch Entscheidungen der Unternehmen über ihre Verträge – nicht durch eine einzige freiwillige Geste an einem einzigen Tag.Verordnung (EU) 2022/576 des Rates, Artikel 3jEnBW-Bericht 2023RWE, H1 2022

Ich unterstütze diesen Verzicht. Doch Deutschland kaufte russische Kohle vor allem wegen des Krieges und der Sanktionen nicht mehr. Meine Frage nach dem Preis ihrer Förderung gab es schon lange vor 2022. Das Ende der Lieferungen hat sie nicht beantwortet.

Ein weiteres Detail ist für mich besonders wichtig. EnBW gab an, 2021 bei 77,9 Prozent seiner Kohle die Produzenten gekannt zu haben. Die übrige Kohle kam über Handelsunternehmen. In solchen Verträgen war gewöhnlich die Qualität festgelegt, nicht aber die Herkunft. Das zeigt, dass die Eigenschaften der Ware vertraglich festgehalten werden konnten, während Ort und Produzent teilweise offenblieben. Das beweist keine böse Absicht. Es zeigt aber, wie Umweltfolgen und das Leben am Abbauort schon beim Einkauf aus dem Blick geraten konnten.

Was ich in einem deutschen Tagebau sah

Am 13. März 2025 besuchte ich den RWE-Tagebau Garzweiler in Nordrhein-Westfalen. Die Fotos und Videos zeigen, wo ich war: Auf einer Informationstafel sind das RWE-Logo und der Schaufelradbagger 288 zu sehen. Dort wird Braunkohle gefördert. Das ist nicht dieselbe Kohleart wie die Steinkohle aus dem Kusbass, die deutsche Unternehmen kauften.RWE – Tagebau GarzweilerHauptbetriebsplan Garzweiler 2023–2025

Einen Gedanken kann ich aber schon jetzt formulieren. Ein Einwohner Deutschlands, der nur einen deutschen Abbauort kannte, wusste vielleicht nicht, wie der Alltag neben einem russischen Kohletagebau im Kusbass aussah. Vielleicht kannte er weder Berichte über die Herkunft der Kohle noch Warnungen von Umweltschützern. Vielleicht hatte er auch keinen Grund, danach zu suchen. Ein einzelnes Foto von mir beschreibt nicht die gesamte deutsche Industrie. Doch was Menschen in Deutschland kannten, durfte nicht automatisch zum Maßstab für den Kusbass werden.

Was ich in Deutschland gesehen habe, stelle ich dem gegenüber, was bei uns zurückblieb. Nicht als Wettbewerb der Bilder und nicht, um zu behaupten, der deutsche Bergbau richte keinen Schaden an. Ich möchte die Menschen und Gebiete in das Gespräch zurückholen, die sich hinter demselben Wort „Kohle“ verbergen. Deshalb muss der Unterschied zwischen der Braunkohle von Garzweiler und der Steinkohle des Kusbass klar benannt werden; zugleich darf die Gemeinsamkeit des Tagebaus nicht als Beweis identischer Bedingungen missverstanden werden. Vorerst sage ich nur eines: Ein Bewohner des Kusbass kann sich vielleicht kaum vorstellen, wie in Deutschland Kohle im Tagebau gefördert wird. Hätte er mit eigenen Augen gesehen, was ich sah, würde er möglicherweise fragen: „So etwas gibt es wirklich?“

Und das blieb bei uns zurück

Die Kohle fuhr fort. Tagebaue, Halden und Häuser blieben.

Ich lebte in Kisseljowsk, zog dort meine Kinder groß und arbeitete als Journalistin. Ich erinnere mich an Smog, belastetes Wasser, schwarzen Schnee und die ständige Sorge um die Gesundheit. Ich erinnere mich an frühe Todesfälle von Männern in meinem Umfeld und an Familien, für die ein Umzug keine einfache Alltagsentscheidung, sondern eine beinahe unerreichbare finanzielle Aufgabe war. Ich erinnere mich an Löhne, die die Menschen nicht mit einer schönen Durchschnittszahl vergleichen konnten, sondern mit schwerer Arbeit, Risiko, Schulden und den Kosten einer Wohnung in einer anderen Stadt.

Das ist mein Zeugnis, keine medizinische Studie. Es erlaubt mir nicht, jede Krankheit und jeden Todesfall dem Kohleabbau zuzuschreiben. Eine Erkrankung kann mehrere Ursachen haben, und eine persönliche Erinnerung ersetzt kein medizinisches Register. Aber sie erklärt, warum ich nach Messungen suchte. Und warum der Satz „Ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht bewiesen“ für mich nie bedeutete: „Es gibt nichts zu untersuchen.“

Lange fehlte in Kisseljowsk genau das, was eine Debatte über Luft braucht: regelmäßige Messungen. Ohne sie wird aus der Frage nach der Belastung schnell ein Streit über Erinnerungen. In einer offiziellen Antwort vom 22. April 2020 schrieb das Kemerowoer Zentrum für Hydrometeorologie und Umweltüberwachung nach meinen Unterlagen, in Kisseljowsk und im Stadtkreis gebe es keine regelmäßige Beobachtung der Luftverschmutzung. Nach meiner Eingabe wurde 2020 an mehreren Orten gemessen. Doch ein einzelner Messtag konnte nicht zeigen, was die Menschen über Jahre eingeatmet hatten. Diese Dokumente habe ich in der Recherche „Der Tag, an dem die Luft gemessen wurde“ ausführlich beschrieben.„Der Tag, an dem die Luft gemessen wurde“

Dass eine feste Messstation fehlte, heißt nicht, dass es gar keine Erkenntnisse gibt. Es gibt einzelne Messungen, Kontrollen der Betriebe, amtliche Berichte und wissenschaftliche Arbeiten. Eine von mir ausgewertete Studie aus dem Jahr 2026 untersuchte Schnee in der Nähe eines Tagebaus im Kusbass. Sie berichtete über abgelagerte Partikel, Quarz, Tonminerale und ein räumliches Muster polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAK). Doch aus Stoffen im Schnee lässt sich nicht automatisch die Konzentration in der Luft oder die persönliche Dosis eines Bewohners berechnen. Und ein einzelner Ort steht nicht für ganz Kisseljowsk.Untersuchung zur räumlichen Verteilung von Staub und PAK im Schnee, 2026

Der Preis, der sich in der Gesundheit zeigt

Für mich beginnt der Preis der Kohle nicht mit einer zerstörten Landschaft. Er beginnt mit der Gesundheit.

Ich habe zwei Töchter mit angeborenen Fehlbildungen der Nieren. Beide Schwangerschaften verbrachte ich in Kisseljowsk. Mein Sohn wurde in einem anderen Land, in einer anderen Stadt geboren, und er ist gesund. Diese Familiengeschichte beweist nicht, dass die industrielle Verschmutzung die Erkrankungen meiner Töchter verursacht hat. Aber sie erklärt, warum mir der Satz „Ein Zusammenhang ist nicht nachgewiesen“ nicht genügt. Wer diese Frage ernsthaft beantworten will, muss die Belastung messen: am richtigen Ort, in den entscheidenden Schwangerschaftswochen und zusammen mit anderen möglichen Ursachen.

Die Untersuchungen aus dem Kusbass geben nach meiner Auswertung Warnsignale, aber keine endgültige Antwort. Eine von mir herangezogene Arbeit von Anna Batschina erfasst demnach 34 Gebiete der Region, 6.813 registrierte Neugeborene mit angeborenen Fehlbildungen und mehr als 468.000 Luft-, Wasser- und Bodenproben. In Kisseljowsk stieg nach diesen Angaben die registrierte Rate angeborener Fehlbildungen bei Kindern im ersten Lebensjahr von 87,3 je 1.000 im Jahr 2005 auf 280,8 im Jahr 2012. Die Forscher beschrieben statistische Zusammenhänge zwischen regionaler Umweltbelastung und registrierten Fehlbildungen. Die zugrunde liegenden Definitionen der registrierten Raten sind für ihre Einordnung entscheidend. Solche Gebietsdaten sagen jedenfalls nicht, welche Dosis eine bestimmte Schwangere abbekam oder warum ein bestimmtes Kind mit einer Fehlbildung geboren wurde.zu angeborenen Fehlbildungen im Kusbass

Für Krebs fand ich eine Zahlenreihe zu neuen Diagnosen in Kisseljowsk: 258,4 Fälle je 100.000 Einwohner im Jahr 2007, 302,9 im Jahr 2020, 479,2 im Jahr 2023 und 440,8 im Jahr 2024. Diese Zahlen entnehme ich dem regionalen Krebsbekämpfungsprogramm für 2025 bis 2030; diese Zahlen sind Angaben aus der Auswertung der Autorin. Die Werte sind nicht an die Altersstruktur der Bevölkerung angepasst. Sie hängen auch davon ab, wie gut Ärzte die Krankheit erkennen und wie vollständig die Fälle erfasst werden. Zwischen 2007 und 2015 fehlen in der zugänglichen Reihe außerdem mehrere Jahre. Die Zahlen können ein medizinisches Warnsignal sein. Sie erklären aber nicht, warum Menschen erkrankten.Regionales Programm zur Bekämpfung von Krebserkrankungen 2025–2030

Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist das Bild noch lückenhafter. Nach dem von mir ausgewerteten Umweltbericht der Region für 2007 verdoppelte sich von 2003 bis 2007 bei Erwachsenen die Zahl der erstmals festgestellten Krankheiten des Kreislaufsystems. Bei Jugendlichen stieg sie auf das 1,7-Fache, bei Kindern um 45,9 Prozent. Diese Angaben gelten für die ganze Region, nicht nur für Kisseljowsk. Sie zeigen nicht, welche Rolle Kohle, Alter, Lebensweise, Arbeit, bessere Diagnostik oder andere Faktoren spielten. Eine vergleichbare Zahlenreihe über mehrere Jahre haben wir für Kisseljowsk in den geprüften öffentlichen Unterlagen nicht gefunden.Umweltbericht der Region Kemerowo für 2007, Abschnitt Gesundheit

Auch hier muss man vorsichtig sein. Für bestimmte PAK und PAK-haltige Gemische sind gesundheitsschädliche und teilweise krebserzeugende Wirkungen bekannt. Welche Folgen eine konkrete Belastung hat, hängt unter anderem von Stoff, Dosis und Expositionsweg ab. Daraus folgt noch nicht, welche Dosis ein einzelner Mensch aufgenommen hat oder warum er erkrankte. Trotzdem sind die wiederkehrenden Warnsignale aus der Region nicht bedeutungslos. Sie zeigen auch, welche Daten Staat und Industrie den Menschen nicht rechtzeitig zur Verfügung stellten.

Besonders oft denke ich an die Männer. Ich erinnere mich an jene, die in Bergwerken und Tagebauen arbeiteten, schwer erkrankten und früh starben. Schließlich fand ich eine Zahl, die mir vermutlich im Gedächtnis geblieben war. Der von mir ausgewertete amtliche Umweltbericht nennt für die Region Kemerowo das durchschnittliche Alter der im Jahr 2006 Verstorbenen: bei Männern 56,49 Jahre, bei Frauen 70,31 Jahre. Gemeint ist ausdrücklich nicht die Lebenserwartung. Es ist das durchschnittliche Alter der Menschen, die in diesem einen Jahr starben. Das allgemeine Rentenalter für Männer lag in Russland 2006 bei 60 Jahren.Umweltbericht der Region Kemerowo für 2007, Tabelle zum durchschnittlichen SterbealterFöderales Gesetz Nr. 173-FZ, Artikel 7

Doch diese Zahl ist keine Statistik über Bergleute. Der Bericht erfasst alle Männer der Region und alle Todesursachen. Für einen Teil der Bergarbeiter galten außerdem besondere Regeln für eine frühere Rente. Männer mit besonders schädlicher Untertagearbeit konnten bei ausreichenden Arbeitsjahren ab 50 in Rente gehen. Wer vollzeitig direkt unter Tage oder im Kohletagebau arbeitete, konnte nach 25 Jahren solcher Arbeit unabhängig vom Alter eine Rente erhalten; für bestimmte Schlüsselberufe reichten 20 Jahre. Die genauen rechtlichen Voraussetzungen hängen von Tätigkeit und Versicherungszeiten ab.Sozialfonds Russlands – vorgezogene Rente bei Arbeit unter schädlichen BedingungenRegionalstelle des Sozialfonds im Kusbass zu Bergmannsrenten

Ich kann also nicht schreiben, die Statistik beweise, dass ein durchschnittlicher Bergmann seine Rente nicht erlebte. Dafür bräuchten wir eigene Zahlen nach Beruf, Arbeitsjahren und Sterbealter. Aber die angegebene Zahl von 56,49 Jahren zeigt, welche Fragen sich für die Region stellen. Hinter dem Wort „Arbeitskraft“ standen Menschen, die der Branche Jahre schwerer Arbeit gaben. Zur Frage nach dem Preis der Kohle gehört deshalb auch: Was bekamen sie für diese Jahre an Gesundheit zurück – und wie viel Leben blieb ihnen danach?

So möchte ich auch die Fotos zeigen: nicht als Beweis für die Ursache einer Krankheit, sondern als Dokument eines Ortes und einer Zeit, neben dem Messungen, Unterlagen und Verantwortung stehen müssen.

„Die Ausländer zahlen zu wenig“

Zwischen 2018 und 2020 hörte ich von Beamten und technischen Mitarbeitern der Kohleunternehmen immer wieder dieselbe Erklärung: Ausländische Käufer zahlten angeblich zu wenig für die Kohle. Deshalb fehle den Unternehmen das Geld für Umweltschutz und die Wiederherstellung der Flächen nach dem Abbau.

Ich habe diese Erklärungen selbst gehört und als Manipulation empfunden. Die Verantwortung wurde in diesen Gesprächen von Eigentümern, Unternehmensleitungen und russischen Kontrollbehörden auf weit entfernte Käufer verschoben. Nicht das Unternehmen habe dieses Geschäftsmodell gewählt und nicht der Staat habe es zugelassen. Europa habe angeblich zu wenig bezahlt – und deshalb müssten Menschen zwischen Staub, zerstörten Flächen und nicht wiederhergestelltem Land leben.

Das empörte mich damals und empört mich heute. Der vereinbarte Preis nimmt weder dem Eigentümer noch dem Staat die Verantwortung. Wenn ein Geschäft nur funktioniert, weil andere für Umweltschutz, spätere Wiederherstellung und die Folgen in der Nachbarschaft zahlen, verschwindet das Problem nicht mit dem Satz: „Der Markt zahlt nicht mehr.“

Die Frage an den ausländischen Käufer bleibt trotzdem bestehen. Ein Käufer muss sich fragen lassen, welche Bedingungen er stellt, was er über seinen Lieferanten weiß und was er nach Warnungen tut. Welche rechtlichen Pflichten im Einzelfall bestehen, hängt vom jeweiligen Vertrag und den geltenden Regeln ab. Russische Eigentümer, Unternehmensleitungen und Kontrollbehörden tragen Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen und für die Einhaltung des Gesetzes. Die eine Verantwortung hebt die andere nicht auf. Wenn niedrige Einkaufspreise im Kusbass als Begründung für Einsparungen auf Kosten von Menschen und Natur dienten: Prüfte der Käufer diese Erklärung? Verlangte er Belege für Umweltschutzausgaben, Pflichten und Ergebnisse? Oder endete die Prüfung, sobald die Kohle den technischen Anforderungen entsprach und pünktlich eintraf?

Im Dokumentarfilm „Black Snow“ ist ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor zu sehen, an dem ich selbst beteiligt war. Als ich von der Notwendigkeit sprach, PM2,5 – feine Partikel in der Luft – zu messen, erklärte die Mitarbeiterin nach meiner Erinnerung, man habe Angst, solche Messungen durchzuführen, weil die Leitung nicht einmal in Moskau, sondern im Ausland sitze.

„Wir haben auch Familien und Kinder“, sagte die Frau zu mir.

Was die Käufer wussten – und was sie danach taten

Gewöhnliche Menschen in Deutschland wussten vielleicht nicht, woher die Kohle kam und was an ihrem Förderort geschah. Bei den Käuferunternehmen ist die Lage anders. Ihre eigenen Dokumente zeigen: Vertreter beschäftigten sich mit Warnungen, beteiligten sich an Prüfungen und reisten in den Kusbass. Deshalb frage ich nicht nur, ob ein Unternehmen etwas wusste. Ich frage auch, wann es davon erfuhr, wie genau die Informationen waren und ob es danach anders einkaufte.

Im Dezember 2018 gründeten sieben europäische Käufer russischer Kohle – ENEL, ENGIE, ESB, Fortum, RWE, Uniper und Vattenfall – eine Bettercoal-Arbeitsgruppe zu Russland. Sie beschäftigte sich vor allem mit dem Kusbass. Im September 2019 reisten Vertreter und Berater der Gruppe in die Region und führten Gespräche. Ihr späterer Bericht benannte Risiken und Probleme bei der Kontrolle von Emissionen, beim Wasser, bei der Landnutzung, bei Umsiedlungen, bei den Rechten indigener Völker und beim Schutz der Bewohner. Nicht jeder dort behandelte Vorwurf war damit abschließend bewiesen.Bettercoal in Kuzbass, 2020

Uniper schrieb selbst, dass Vertreter des Unternehmens Kisseljowsk im September 2019 besuchten. Schon der kurze Aufenthalt habe gezeigt, wie nahe der Abbau an die Häuser heranreichte. Nach der Reise berichtete Uniper von Gesprächen vor Ort. Das Unternehmen suchte nach Möglichkeiten, Umsiedlungen und die Sanierung alter Bergbauflächen zu unterstützen. Es nannte aber auch die Grenzen seines Einflusses: Die schwersten Folgen lagen oft bei Betrieben, mit denen Uniper keine direkte Geschäftsbeziehung hatte. Leider nahm niemand aus der Delegation Kontakt zu mir auf. Dabei war meine Position damals auch außerhalb Russlands bekannt: Einwohner Kisseljowsks hatten den kanadischen Premierminister Justin Trudeau um Umweltasyl gebeten.Uniper, The dilemma of investing in social and environmental remediation activities

EnBW berichtete über Gespräche mit SUEK und KRU im November 2019 in Moskau und im Kusbass. Dem Bericht zufolge wurden Umweltschutz, Umsiedlungen und Entschädigungen erörtert; die Vertreter besuchten Betriebe, aus denen ein wesentlicher Teil der Lieferungen stammte. Das Unternehmen schrieb außerdem über Lieferantenprüfungen, vertragliche Anforderungen und die Möglichkeit, Geschäftsbeziehungen im äußersten Fall zu beenden.EnBW-Bericht 2019, Druckseiten 60–61

Das waren Maßnahmen. Es wäre unredlich zu schreiben, niemand habe jemals etwas unternommen.

Doch die Dokumente lassen eine andere Frage offen. Nach den Reisen und Berichten kaufte EnBW weiter Kohle aus dem Kusbass. 2021 stiegen die russischen Lieferungen von 1,62 auf 3,57 Millionen Tonnen. EnBW begründete den höheren Bedarf unter anderem mit geringer Windstromerzeugung, der Erholung der Nachfrage nach dem Pandemiejahr und dem Preisvorteil der Kohle gegenüber Gas. Das Unternehmen schrieb außerdem über eine genauere Prüfung von SUEK und KRU nach einer Bettercoal-Bewertung.

Aus dem höheren Volumen allein kann ich nicht schließen, dass EnBW die Warnungen ignorierte. Ich kenne kein internes Protokoll, das zeigt, wie das Unternehmen Preis, Qualität, Versorgungssicherheit und die Rechte der Bewohner gegeneinander abwog. Genau deshalb bleibt meine Frage offen: Welches Gewicht hatte das wirkliche Leben neben den Tagebauen beim Einkauf? Konnte es die Liefermenge oder den Lieferanten verändern? Oder blieb es ein Risiko, das man mit Gesprächen, Prüfungen und Verbesserungsversprechen begleitete?

Dieser Unterschied ist wichtig. Die Dokumente zeigen, welche Informationen auf Unternehmensebene verfügbar waren. Sie zeigen nicht, was die deutsche Gesellschaft insgesamt wusste. Das Wissen eines Unternehmens darf man nicht jedem Einwohner Deutschlands zuschreiben. Umgekehrt ersetzt die mögliche Unkenntnis gewöhnlicher Bürger keine Prüfung durch professionelle Käufer. Diese hatten Berichte und Zugang zu Lieferanten.

War wirklich kein Geld da?

Ich entschied mich, wenigstens ein Jahr zu prüfen, in dem die Kette besonders klar sichtbar ist.

Im Jahr 2021 bezog EnBW 3,57 Millionen Tonnen russische Kohle, nach Unternehmensangaben aus dem Kusnezker Becken und hauptsächlich von SUEK und KRU. Nach den von mir ausgewerteten Finanzangaben wies KRU im selben Jahr 263,67 Milliarden Rubel Umsatz und 56,18 Milliarden Rubel Nettogewinn aus. Es handelt sich nicht um das Geld eines einzelnen Tagebaus und nicht um einen Beweis dafür, dass jedes Umweltproblem sofort hätte gelöst werden können. Es wäre aber auch nicht das Bild eines Unternehmens, dem in diesem Jahr überhaupt keine finanziellen Mittel zur Verfügung standen.Finanzkennzahlen von KRU für 2021Portal zur Offenlegung von Unternehmensinformationen

Das Unternehmen gab nach seinem von mir ausgewerteten Geschäftsbericht für 2021 tatsächlich Geld für Umweltschutz aus. Der Bericht nennt demnach 88,4 Hektar bergtechnische und 116,2 Hektar biologische Rekultivierung. Gemeint sind technische Arbeiten am Gelände und die anschließende Wiederbegrünung. Er nennt auch Ersatzaufforstung und Zahlungen für Emissionen und Einleitungen über den erlaubten Grenzwerten. Deshalb schreibe ich nicht: „Sie haben gar nichts getan.“ Ich frage: Reichten diese Arbeiten für den Umfang der Schäden und der angesammelten Pflichten?KRU-Geschäftsbericht 2021

Die Zahlen für die ganze Region zeigen nach meinen Unterlagen, warum einzelne Baumpflanzungen die Frage nicht beantworten. Ende 2025 waren im Kusbass demnach 123.634 Hektar geschädigte Flächen erfasst. Im Laufe des Jahres kamen 4.620 Hektar hinzu, während 1.265 Hektar rekultiviert wurden. Diese Zahlen stammen laut meiner Recherche aus dem regionalen Umweltbericht 2025. Es ist die Bilanz der gesamten Region, nicht die eines einzelnen Unternehmens. Und „rekultiviert“ heißt noch nicht, dass das frühere Ökosystem wiederhergestellt ist. Der Größenunterschied macht deutlich, warum die langfristigen Folgen wichtig bleiben.Bericht des Umweltministeriums des Kusbass zum Umweltzustand 2025

Ich trenne Umsatz, Nettogewinn, Ausgaben für Umweltschutz und das Privatvermögen der Eigentümer. Das sind verschiedene Dinge. Ich teile auch nicht einfach den Gewinn durch die Zahl der Hektar. So lässt sich keine seriöse Rechnung für die Wiederherstellung aufstellen. Aber ich akzeptiere die Erklärung, es sei „kein Geld da“ gewesen, nicht ungeprüft, wenn die Finanzberichte Gewinn zeigen und der Region Pflichten für Jahrzehnte bleiben.

Der Preis für die nächsten Generationen

Kohle kann innerhalb weniger Monate gefördert, verkauft und verbrannt werden. Geschädigtes Land richtet sich nicht nach der Laufzeit eines Vertrages.

Auf einer Abraumhalde kann Wasser schlechter gespeichert werden. Abflusswege können sich verändern, der Boden kann erodieren. Enthält das Gestein sulfidische Minerale, können Wasser und Sauerstoff Säure bilden und weitere Stoffe lösen. Manche Halden erhitzen sich selbst und brennen. Wie das geschieht und wo die Belege enden, erklären wir in der Untersuchung „Der chemische Fußabdruck der Kohleindustrie“. Eine von mir ausgewertete Arbeit von Protasow, Portola und Seregin aus dem Jahr 2025 beschreibt einen über vier Jahre beobachteten Selbstentzündungsherd im Kusbass, an dem in 2,5 Metern Tiefe Temperaturen bis zu 500 °C gemessen worden sein sollen. Die Originalpublikation muss noch geprüft werden. Selbst wenn die Angabe zutrifft, beschreibt sie einen einzelnen Brandherd, nicht alle Halden.„Der chemische Fußabdruck der Kohleindustrie“Protasow, Portola, Seregin, 2025

Wasser, das durch beeinträchtigtes Gestein fließt, kann gelöste Stoffe und Partikel in Bäche, Grundwasser und Sedimente tragen. Wohin diese Stoffe gelangen und wie weit sie sich ausbreiten, muss vor Ort untersucht und gemessen werden. Allein die Tatsache, dass ein Fluss letztlich mit dem Meer verbunden ist, berechtigt mich nicht dazu, eine Halde im Kusbass zur Quelle einer Meeresverschmutzung zu erklären.

Ein weiterer Preis betrifft das Klima. Beim Kohleabbau entweicht Methan aus den Flözen und dem umgebenden Gestein. Das geschieht in aktiven und auch in manchen stillgelegten Bergwerken. Eine von mir herangezogene Untersuchung mit Satellitendaten beschreibt über dem Kusnezker Becken erhöhte Signale von Methan, Kohlenmonoxid und Stickstoffdioxid. Die räumliche Auflösung und die Unsicherheiten der Mengenbestimmung sind bei der Einordnung solcher Satellitendaten entscheidend. Die Internationale Energieagentur erfasst auch Methan aus stillgelegten Kohlebergwerken. Die Mengen unterscheiden sich stark: Ein gut geflutetes oder abgedichtetes Bergwerk kann wenig Methan freisetzen. Ein anderes kann weiter eine Quelle bleiben.Sentinel-5P study of the Kuznetsk BasinIEA, Global Methane Tracker 2026

Diese Folgen reichen unterschiedlich weit. Staub am Haus ist ein örtliches Problem. Die Verschmutzung eines Baches kann ein ganzes Flussgebiet betreffen. Methan und Kohlendioxid wirken auf das Klima. Man darf all das nicht zu einem einzigen Schreckensbild vermischen. Und aus dem bloßen Nachweis eines Stoffes folgt noch nicht die Dosis für einen bestimmten Menschen. Aber mit der Abfahrt des letzten Zuges verschwinden auch die Pflichten nicht.

Wenn der Militärdienst als Ausweg erscheint

Heute hat diese Geschichte eine weitere Seite, über die mir das Schreiben schwerfällt.

Im Jahr 2025 berichteten die Behörden des Kusbass nach den von mir ausgewerteten Meldungen von einer Krise der Branche: Von 151 Kohleunternehmen befanden sich demnach 30 in einer „roten Zone“, der Betrieb von 18 war ausgesetzt. Das bedeutet nicht, dass alle Unternehmen stillstanden oder jedes dieser achtzehn endgültig geschlossen wurde. Die Behörden sprachen von Unterstützung, der vorübergehenden Stilllegung einzelner Standorte und einer möglichen Wiederaufnahme des Betriebs. Zugleich gab es Berichte über Lohnrückstände in einzelnen Unternehmen.Interfax, 2025Monitoring der russischen Arbeitsaufsicht, Januar 2026

Vor diesem Hintergrund wirbt der russische Staat Männer für den Militärdienst an. Für bestimmte Vertragsabschlüsse werden hohe Einmalzahlungen angeboten. Für eine Familie ohne Ersparnisse kann dieses Geld wie eine schnelle Lösung für Probleme wirken, die sich mit einem gewöhnlichen Lohn über Jahre nicht lösen ließen. Im März 2026 nannte eine Regionalzeitung nach meiner Recherche eine einmalige Zahlung der Regierung des Kusbass von 1,5 Millionen Rubel. Der genaue Zeitungsbeleg und die damalige Rechtsgrundlage müssen noch geprüft werden. Höhe und Bedingungen solcher Zahlungen änderten sich. Die Zahl beschreibt deshalb allenfalls den damaligen Stand und ist keine Zusage einer Summe, die heute jeder erhalten kann.Zeitung „Kusbass“, 5. März 2026Regelung der regionalen Zahlungen mit Änderungen von 2026

Ich behaupte nicht, ein solcher Vertrag sei für die Mehrheit der Menschen im Kusbass der einzige Ausweg. Ich beschreibe, wie die Lage für einen einzelnen Menschen aussehen kann: Es gibt weniger Arbeit. Ein Unternehmen zahlt Löhne verspätet. Ein Haus neben einem belasteten Gebiet lässt sich kaum verkaufen, und ein Umzug kostet Geld. Dann kann eine hohe Zahlung für die Unterschrift unter einen Militärvertrag wie eine Fahrkarte für die Familie aus einem Ort wirken, aus dem sie sonst nicht fortkommt. Hinzu kommt eine Erklärung, die ich während meiner journalistischen Arbeit immer wieder hörte: Ausländische Käufer hätten zu wenig für die Kohle bezahlt und seien deshalb mitverantwortlich für die Umweltprobleme der Region.

Hier kehrt der alte Satz zurück: „Die Ausländer haben zu wenig gezahlt.“ Menschen leiden tatsächlich unter Verschmutzung, Armut und dem Gefühl, mit den Folgen des Abbaus allein gelassen worden zu sein. Wird ihnen zugleich eine einfache Erklärung angeboten – Europa sei schuld, weil es die Kohle zu billig gekauft habe –, lässt sich der angestaute Zorn gegen einen äußeren Schuldigen richten. Ich fürchte, dass dieser Zorn anschließend zur Rechtfertigung des Krieges oder zur Anwerbung von Menschen für ihn benutzt werden kann.

Das ist meine politische Warnung. Ich behaupte nicht, dass Umweltprobleme und solche Erklärungen die Entscheidung eines bestimmten Menschen für den Militärdienst verursacht haben. Aber schon die Möglichkeit, echte Not und echten Zorn so zu benutzen, gehört für mich zum zweiten Preis der Kohle.

Der zweite Preis der „billigen“ Kohle

Ein russisches Sprichwort sagt: Wer zu sehr spart, zahlt zweimal.

In der Geschichte der Kohle aus dem Kusbass wurde die erste Rechnung auf verschiedene Menschen verteilt. Der Käufer bezahlte den vertraglichen Brennstoffpreis. Die Bewohner bezahlten für das Leben neben dem Abbau – mit ihrer Luft, ihrem Wasser, der Sorge um ihre Kinder, ihrer Gesundheit, dem verminderten Wert ihres Hauses und der Notwendigkeit, das Land eines Tages wiederherzustellen. Am besten kennen diesen Preis nicht die Autoren von Werbebroschüren oder Verträgen, sondern jene, die in den Betrieben arbeiteten, in ihrer Nähe Kinder großzogen und Angehörige beerdigten, die zu früh starben. Ich kann all das nicht in einer einzigen universellen Summe zusammenrechnen. Doch das Fehlen eines fertigen Preisschildes macht die Kosten nicht null.

Ein Teil dieses Preises wird an die nächsten Generationen weitergegeben. Ihnen bleiben alte Halden, ein gestörter Wasserhaushalt, die Notwendigkeit, Brände und Methan zu überwachen, Böden wiederherzustellen und zu prüfen, ob ein Gebiet tatsächlich sicher geworden ist – und nicht bloß auf einem Foto grün aussieht.

Es gibt auch einen politischen Preis. Menschen, denen Verschmutzung, Armut und unerfüllte Versprechen hinterlassen wurden, können glauben, der Hauptschuldige befinde sich im Ausland. Dieser Groll lässt sich gegen Europa richten – selbst nachdem der letzte Kohlewaggon die Grenze überquert hat. Das macht einen gewöhnlichen Einwohner Deutschlands nicht für die Entscheidungen russischer Eigentümer oder Beamter verantwortlich. Es zeigt, warum die Folgen einer Lieferkette nicht mit der letzten Lieferung enden.

Ich möchte eine einfache Legende nicht durch eine andere ersetzen. Gewöhnliche Menschen in Deutschland wussten vielleicht nicht, woher die Kohle kam. Unternehmen hatten zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich genaue Informationen. Sie führten Regeln für Lieferanten ein, ließen Prüfungen durchführen, reisten in den Kusbass und sprachen mit Lieferanten. Kohleunternehmen gaben Geld für einzelne Umweltschutzmaßnahmen aus. Das muss man anhand der Fakten bewerten, statt alles im Voraus entweder für ausreichend oder für wertlos zu erklären. Doch die zentrale Frage bleibt.

Ich verstehe den Menschen in Deutschland, der auf seine Energiekosten schaut und fragt, ob der Kohleausstieg vernünftig war. Eine solche Frage darf man nicht lächerlich machen. Auch die Energiewende hat einen Preis und verlangt verlässliche Lösungen. Meine Antwort ist auf der anderen Seite dieser Geschichte entstanden. Ich habe gesehen, was vor dem Verkauf der Kohle geschah, was danach zurückblieb und welche Fragen zur Gesundheit meiner Kinder sich wegen fehlender Messungen im Nachhinein nicht mehr beantworten lassen.

Gerade deshalb halte ich das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus und den späteren Verzicht auf russische Kohle für kluge Entscheidungen. Nicht, weil damit alle Widersprüche verschwunden wären. Und nicht, weil Deutschland bereits jede Form des Kohleabbaus und der Kohleverstromung beendet hätte. Sondern weil ein niedriger Preis im Vertrag keinen niedrigen Preis für die Gesellschaft bedeutet. Manchmal heißt er nur, dass Umweltfolgen, Gesundheitsschäden und politische Risiken nicht mitgerechnet wurden. Bezahlen mussten sie die Menschen im Kusbass – und später ihre Kinder.

Wenn die Kohle die technischen Anforderungen erfüllte, pünktlich ankam und Energie lieferte, während ein großer Teil der Umwelt- und Sozialkosten im Kusbass blieb: War sie dann wirklich billig?

Oder wurde ein Teil ihres Preises lediglich anderen Menschen überlassen?

Quellen und weiterführende Dokumente

EnBW – Geschäftsbericht 2021, Rohstoffbeschaffung

https://www.enbw.com/media/bericht/bericht_2021/downloads_5/combined-management-report-of-the-enbw-group-and-enbw-ag.pdf

Deutscher Bundestag – Drucksache 20/2515

https://dserver.bundestag.de/btd/20/025/2002515.pdf

RWE – Halbjahrespräsentation 2022

https://internetcdn.rwe.com/-/media/RWE/documents/05-investor-relations/finanzkalendar-und-veroeffentlichungen/2022-H1/rwe-presentation-h1-2022.pdf

EU – Verordnung (EU) 2022/576

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32022R0576

Bettercoal – Bettercoal in Kuzbass, Public Report

https://www.uniper.energy/sites/default/files/2022-03/Bettercoal-in-Kuzbass_Public-Report.pdf

Uniper – The dilemma of investing in social and environmental remediation activities

https://www.uniper.energy/sustainability/dilemma-investing-social-and-environmental-remediation-activities

Internationale Energieagentur – Global Methane Tracker 2026

https://www.iea.org/reports/global-methane-tracker-2026

Committee to Protect Journalists – Natalia Zubkova (2021)

https://cpj.org/2021/03/russian-journalist-natalia-zubkova-in-hiding-following-attack-death-threats/

CPH:DOX – Black Snow

https://cphdox.dk/film/black-snow/

Natalia Zubkova – Rechercheplattform

https://nataliazubkova.com/

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