Ihr Artikel "Eine verspätete Liebeserklärung!" in der ersten Ausgabe des Höllentäler ist als Rückblick auf 40 Jahre Dreisamtäler warmherzig und persönlich – bis zu dem Satz, der bei mir hängen geblieben ist:

Hanspeter Schweizer habe sich in der Corona-Zeit mit "Corona-Leugnerinnen und -Leugnern" verbündet, wodurch der Dreisamtäler zu einem "Kampfblatt" geworden sei.

Fast sechs Jahre nach den Ereignissen, vier Jahre nach Schweizers Tod, in der ersten Ausgabe eines neuen Blatts, das sich als Nachfolger versteht: Genau diese Wortwahl hätte es nicht gebraucht.

"Leugner" ist kein neutraler Begriff. Er unterstellt, jemand bestreite eine erwiesene Tatsache – nicht, dass er eine andere Einschätzung vertritt oder eine damals unbequeme Frage stellt. Mit der Veröffentlichung der RKI-Protokolle im März 2024 und den Tagebüchern von Anthony Fauci im Juli 2026 ist inzwischen dokumentiert, wie viele Einschätzungen aus jener Zeit revisionsbedürftig waren – von der Herkunft des Virus bis zur Wirksamkeit einzelner Maßnahmen. Wer heute noch pauschal von "Leugnern" spricht, tut so, als hätte sich seither nichts verändert.

Diese Art der Etikettierung ist kein Einzelfall, sondern ein Muster, das sich durch die vergangenen Jahre zieht: Wer eine Regierungsmaßnahme kritisch sah, wurde zum "Leugner", wer eine Energiepolitik hinterfragte, zum "Klimaleugner", wer eine Migrationsentscheidung ablehnte, zum "Rechten". Das Etikett ersetzt die Auseinandersetzung mit dem Argument – und genau das hat Hanspeter Schweizer nie getan.

Er hat, wie auch Sie selbst schreiben, unterschiedliche Meinungen zugelassen, statt sie vorab zu sortieren. Wenn jetzt ausgerechnet sein Blatt im Rückblick mit dem Etikett "Kampfblatt" versehen wird, wird ihm damit etwas zugeschrieben, das seiner eigenen journalistischen Haltung widersprach. Nicht Schweizer hat etikettiert – er hat Raum gegeben. Diesen Unterschied sollte ein Nachruf auf ihn deutlich machen, statt ihn zu verwischen.

Ich schreibe das nicht, um Ihre Erinnerung an Hanspeter Schweizer zu schmälern – Ihr Artikel zeigt, wie viel er Ihnen bedeutet hat, das nehme ich Ihnen ab. Aber gerade deshalb wundert es mich, dass ausgerechnet in diesem liebevollen Rückblick die alten Etiketten von 2020 noch einmal bestätigt statt hinterfragt werden. Eine neue Zeitung, die im Dreisamtal Vertrauen aufbauen will, sollte sich entscheiden: Will sie Gräben von vorgestern weiterreichen, oder will sie zeigen, dass sie es besser macht als viele andere Medien in den letzten Jahren – nämlich Debatten führen, statt Seiten einzuteilen in Menschen, die die Wahrheit kennen, und solche, die sie leugnen.

Ich würde mir wünschen, dass der Höllentäler diesen Anspruch von Anfang an lebt.

Quelle: Gerhard Lück: "Eine verspätete Liebeserklärung! In 40 Jahren war der Dreisamtäler 'ein Stück weit meine Zeitung' geworden", in: Höllentäler, Ausgabe 1/2026, S. 39.

https://hoellentaeler.de/wp-content/uploads/HT-1-2026.pdf

=============

Nachtrag: Gerhard Lück hat auf meinen offenen Brief geantwortet

Gerhard Lück hat auf meinen offenen Brief inzwischen persönlich reagiert. Da es sich um eine an mich gerichtete E-Mail handelt, veröffentliche ich seine Nachricht nicht im Wortlaut. Ich gebe ihre wesentlichen Aussagen nachfolgend sinngemäß und verkürzt wieder.

Lück bedankt sich zunächst für meine Rückmeldung und betont, dass sein Beitrag eine persönliche Rückschau auf seine 40 Jahre mit dem Dreisamtäler gewesen sei. Mit seinem Hinweis auf die Corona-Zeit habe er persönliche Erfahrungen während seiner journalistischen Tätigkeit ansprechen wollen, die ihn verletzt hätten.

Zugleich macht er deutlich, dass er beim Höllentäler die damalige Auseinandersetzung über die Corona-Zeit nicht erneut führen möchte. Ihm sei bewusst, dass dieses Thema für Teile der Gesellschaft weiterhin nicht abgeschlossen sei und jeder dazu seine eigene Meinung vertreten könne. Für das Regionalmagazin Höllentäler sei es aus seiner Sicht wichtig, sich auf lokale Themen zu konzentrieren.

Auf meinen eigentlichen Kritikpunkt – die Verwendung der Bezeichnung „Corona-Leugnerinnen und -Leugner“ und die Charakterisierung des damaligen Dreisamtälers als „Kampfblatt“ – geht seine Antwort aus meiner Sicht nicht näher ein.

Meine Antwort darauf

Ich habe Herrn Lück daraufhin geantwortet, dass ich einen entscheidenden Punkt richtigstellen möchte:

Nicht ich habe die Corona-Debatte im Höllentäler wieder eröffnet. Herr Lück selbst hat sie in seiner veröffentlichten Rückschau wieder aufgegriffen.

Ich habe weder gefordert, dass der Höllentäler die gesamte damalige Für-und-Wider-Diskussion erneut führen soll, noch war dies Gegenstand meines offenen Briefes. Mein Einwand war wesentlich konkreter: Herr Lück schreibt rückblickend, Hanspeter Schweizer habe sich mit „Corona-Leugnerinnen und -Leugnern“ verbündet und der Dreisamtäler sei dadurch zu einem „Kampfblatt“ geworden. Genau diese nachträgliche Charakterisierung halte ich für problematisch.

Persönliche Erfahrungen und Verletzungen, die Herr Lück mit dieser Zeit verbindet, möchte ich ihm ausdrücklich nicht absprechen. Wenn er bestimmte Entwicklungen beim Dreisamtäler als schmerzhaft empfunden hat, gehört das selbstverständlich zu seiner persönlichen Erinnerung. Davon zu unterscheiden ist jedoch die journalistische Einordnung anderer Menschen und eines Mediums.

Wenn man die damalige gesellschaftliche Auseinandersetzung heute nicht erneut aufleben lassen möchte, ist das vollkommen legitim. Dann erscheint es mir allerdings widersprüchlich, ausgerechnet in der ersten Ausgabe eines neuen Regionalmagazins die alten Begriffe „Corona-Leugner“ und „Kampfblatt“ erneut hervorzuholen.

Diese Begriffe stammen nicht aus meinem offenen Brief. Mein offener Brief reagiert auf ihre erneute Verwendung.

Auch der Hinweis, der Höllentäler wolle sich auf lokale Themen konzentrieren, ändert daran für mich nichts. Hanspeter Schweizer, der Dreisamtäler und dessen publizistische Entwicklung sind Teil der lokalen Mediengeschichte des Dreisamtals. Gerade deshalb waren sie schließlich Gegenstand von Lücks eigenem Beitrag.

Nach meinem offenen Brief haben mich inzwischen mehrere Rückmeldungen von Menschen erreicht, die den Dreisamtäler und teilweise auch Hanspeter Schweizer kannten. Besonders treffend fand ich die Beschreibung eines langjährigen Lesers, der Schweizer als einen „nach allen Seiten offenen Zeitungsmacher“ bezeichnete. Das entspricht auch meinem Eindruck.

Hanspeter Schweizer hat Positionen veröffentlicht, die andere Medien nicht oder kaum veröffentlichten. Man konnte und kann diese Positionen teilen, ablehnen oder ihnen widersprechen. Aber das Zulassen kontroverser Stimmen macht eine Zeitung noch nicht zu einem Kampfblatt.

Gerade eine Lokalzeitung muss aus meiner Sicht keineswegs unpolitisch sein. Im Gegenteil: Sie sollte auch schwierige gesellschaftliche und politische Fragen aufgreifen. Entscheidend ist dabei, unterschiedliche Positionen auszuhalten und sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, anstatt Menschen bereits durch Etiketten bestimmten Lagern zuzuordnen.

Ein Regionalmedium verliert seine Offenheit nicht dadurch, dass es kontroverse Stimmen veröffentlicht. Es verliert sie vielmehr dann, wenn bestimmte Auffassungen von vornherein außerhalb des legitimen Diskurses verortet werden, anstatt sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen.

Dem Höllentäler wünsche ich deshalb ausdrücklich einen guten Start und Erfolg. Gerade ein neues Regionalmagazin hat die Chance, im Dreisamtal einen Raum für unterschiedliche Stimmen zu schaffen und zu zeigen, dass auch kontroverse gesellschaftliche Fragen diskutiert werden können, ohne Menschen vorher in die richtigen und die falschen Lager einzuteilen.

0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x