Exkursion mit Nikolaus Geiler, Dieter Berger, Thorsten Werle und Maike Brabenec zeigt Konflikt zwischen Leistungssport, Moor-, Arten- und Gewässerschutz

NOTSCHREI. Der Name des Passes stammt ursprünglich aus einer alten Sage. Nach der Exkursion rund um die Nordic Arena erhielt er für manche Teilnehmer jedoch eine neue Bedeutung. „Hier schreit die Natur, wenn sie nur könnte“, bemerkte Umweltaktivist Dieter Berger am Ende der Begehung. Tatsächlich führte die Veranstaltung durch ein Gebiet, in dem Fragen des Leistungssports, des Moor- und Gewässerschutzes, der Beschneiungstechnik, des Amphibienschutzes und des Umgangs mit Altlasten auf engem Raum zusammentreffen. Unter der Führung von Nikolaus Geiler (regioWASSER e.V.), Dieter Berger (BUND), Thorsten Werle (LANA Schwarzwald) sowie Maike Brabenec (FIUC e.V.) erhielten die Teilnehmer Einblicke in Themen, die weit über die üblichen Diskussionen um Wintersport und Tourismus hinausgehen.

Unter den Teilnehmern befanden sich interessierte Bürger, Mitglieder von Umweltverbänden sowie eine Journalistin der Badischen Zeitung. Die Referenten machten deutlich, dass sie die Nordic Arena nicht isoliert als Sportanlage betrachten, sondern als Teil eines empfindlichen Moor-, Quell- und Gewässersystems im Hochschwarzwald. Im Mittelpunkt standen die ehemalige Hausmülldeponie am Notschrei, die Moorentwässerung, die Beschneiungsinfrastruktur, der Wasserspeicher, Amphibienschutz, Bleimunition auf dem Biathlongelände sowie die langfristigen Folgen technischer Eingriffe in einen ursprünglich stark vernässten Landschaftsraum.

Erste Station: Die ehemalige Hausmülldeponie

Zu Beginn der Begehung führte die Gruppe an den Rand der ehemaligen Hausmülldeponie. Dort tritt an mehreren Stellen Wasser aus dem Hang aus. Auffällig sind die teilweise intensiv orange gefärbten Ablagerungen entlang der Austrittsstellen. Thorsten Werle erläuterte hierzu eigene Untersuchungen mittels Rasterelektronenmikroskopie (REM) und energiedispersiver Röntgenspektroskopie (EDS). Nach seinen Angaben handelt es sich bei den orangefarbenen Ablagerungen überwiegend um Eisenverbindungen. Das Eisen fällt beim Kontakt mit Sauerstoff aus und verursacht die typische Verockerung. Darüber hinaus verwies Werle auf mikroskopische Strukturen, die in den untersuchten Proben nachweisbar seien. Nach seiner Einschätzung deuten die REM-Aufnahmen auf das Vorhandensein eisenoxidierender Bakterien hin. Als wissenschaftliche Grundlage verwies er auf die Arbeit von Chan et al. (2016), „The Architecture of Iron Microbial Mats Reflects the Adaptation of Chemolithotrophic Iron Oxidation in Freshwater and Marine Environments“, in der typische röhren- und fadenförmige Strukturen eisenoxidierender Mikroorganismen beschrieben werden. Nach Darstellung Werles erklären diese biologisch-geochemischen Prozesse die auffälligen Verockerungen an den Quellaustritten. Gleichzeitig machte er deutlich, dass solche Untersuchungen keine umfassende chemische Wasseranalyse ersetzen können. Die Analysen beantworten die Frage, warum das Wasser orange erscheint. Sie liefern jedoch keine vollständige Aussage darüber, welche weiteren Stoffe möglicherweise im Wasser gelöst sein könnten. Für Nikolaus Geiler liegt genau hier die eigentliche Problematik. Die Verockerung sei zwar sichtbar, aber möglicherweise nicht das Hauptproblem. Entscheidend sei die Frage, welche Stoffe zusammen mit dem Wasser aus der Deponie austreten und in das umliegende Gewässersystem gelangen könnten. Nach Angaben der Referenten lagerten auf der ehemaligen Deponie Hausmüll, Gewerbeabfälle und weitere Materialien aus einer Zeit, in der die Anforderungen an Deponien deutlich geringer waren als heute. Aus ihrer Sicht besteht deshalb weiterhin Klärungsbedarf hinsichtlich möglicher Schadstoffausträge aus dem Deponiekörper und deren Auswirkungen auf die umliegenden Quell-, Bach- und Grundwassersysteme.

Die Deponie entwässert in mehrere Richtungen

Während der Begehung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass die ehemalige Deponie offenbar nicht nur an einer Stelle Wasser austreten lässt. Neben den sichtbaren Quellaustritten im Bereich des Parkplatzes gebe es weitere Austrittsstellen im Gelände. Die Referenten vertreten die Auffassung, dass die Deponie bis heute von Wasser durchströmt werde. Wasser dringe in den Deponiekörper ein, nehme dort Stoffe auf und trete anschließend an verschiedenen Stellen wieder aus. Die Folgen seien Verockerungen und möglicherweise Stoffausträge in die umliegenden Quell- und Bachsysteme. 

Das Landratsamt kommt nach bisherigen Untersuchungen teilweise zu anderen Bewertungen. Die Veranstalter kündigten an, hierzu weitere Informationen, Gutachten und behördliche Unterlagen auszuwerten.

Der Schneeberg als Symbol des Wandels

Ein besonderer Halt der Exkursion war das große Schneedepot der Nordic Arena. Dabei handelt es sich um einen künstlich angelegten Schneeberg, der über den Sommer konserviert wird, um zu Beginn der Wintersaison frühzeitig Loipen anlegen zu können. Die Teilnehmer konnten vor Ort die Fläche besichtigen, auf der der Schnee während der warmen Jahreszeit gelagert wird. Der verbliebene Schnee wird dabei mit einer dicken Schicht aus Sägespänen und Holzmaterial abgedeckt. Diese Isolierschicht reduziert die Sonneneinstrahlung und schützt den Schnee vor dem schnellen Abschmelzen. Nach Angaben der Betreiber bleibt dadurch ein erheblicher Teil des eingelagerten Schnees bis in den Herbst erhalten. Vor Ort wurde deutlich, welche Dimensionen das Schneedepot inzwischen erreicht. Der künstlich konservierte Schneeberg nimmt eine große Fläche ein und wird jedes Jahr mit erheblichen Mengen an Sägespänen abgedeckt. Für viele Teilnehmer wurde der Schneeberg damit zum sichtbaren Symbol einer Entwicklung, bei der immer mehr technische Maßnahmen erforderlich werden, um den Wintersportbetrieb dauerhaft aufrechtzuerhalten.


Schneemangel und technischer Aufwand

Dieter Berger verwies mehrfach darauf, dass sich die Wintersituation am Notschrei aus seiner Sicht deutlich verändert habe. Während früher über lange Zeiträume ausreichend Naturschnee zur Verfügung gestanden habe, sei der Betrieb heute zunehmend auf technische Unterstützung angewiesen. Schneekanonen, Schneedepots, Speicherteiche, Pumpwerke, Wasserleitungen und Strominfrastruktur seien inzwischen unverzichtbare Bestandteile des Betriebs geworden. Nach Ansicht der Referenten zeige dies den zunehmenden Aufwand, der erforderlich sei, um einen leistungsorientierten Wintersportbetrieb unter sich verändernden klimatischen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Die Betreiber der Nordic Arena bewerten diese Entwicklung naturgemäß anders. Für sie stellen Schneedepot und Beschneiungsanlagen wichtige Instrumente dar, um Training, Nachwuchsförderung und Wettkämpfe auch künftig sicherstellen zu können.


Diskussion um Amphibien am Schneedepot

Am Schneedepot entwickelte sich eine der intensivsten Diskussionen der gesamten Exkursion. Nach Darstellung der Exkursionsleiter wurden bei Starkregenereignissen nicht ausgewachsene Amphibien, sondern große Mengen von Amphibienlaich und bereits entwickelte Kaulquappen aus den provisorischen Kleingewässern am Schneedepot ausgeschwemmt. Die Organismen gelangten in angrenzende Waldflächen und verendeten dort. Die Referenten werteten dies als Folge einer aus ihrer Sicht unzureichenden Gestaltung des Ersatzlaichgewässers. Für Berger verdeutlicht dies den Konflikt zwischen technischer Nutzung und den Anforderungen des Arten- und Naturschutzes.


Fragen zur Herkunft der Sägespäne

Im weiteren Verlauf übernahm Thorsten Werle die Erläuterungen zu Untersuchungen des verwendeten Abdeckmaterials. Nach Angaben Werles wurden bei früheren Untersuchungen Belastungen in Holzmaterialien festgestellt. Besonders verwies er auf einen Atrazin-Befund. Atrazin ist ein Herbizid, dessen Anwendung in Deutschland bereits vor Jahrzehnten verboten wurde. Aus Sicht Werles wirft ein solcher Nachweis Fragen nach der Herkunft des verwendeten Materials auf. Er vertrat die Auffassung, dass belastetes Material dieser Art kaum aus unmittelbar angrenzenden Schwarzwaldwäldern stammen könne. Werle forderte deshalb eine transparente Offenlegung der Herkunft der verwendeten Holzmaterialien. Auch die spätere Entsorgung der jährlich eingesetzten Sägespäne wurde diskutiert.

 

Das eigentliche Hauptthema: Das Hochmoor

Obwohl Deponie, Schneedepot und Beschneiungsanlagen während der Exkursion viel Aufmerksamkeit erhielten, machten Dieter Berger und Nikolaus Geiler mehrfach deutlich, dass sie das Hochmoor als den eigentlichen Kern der Diskussion betrachten. Viele der angesprochenen Konflikte – von Drainagen über Speicherteiche bis hin zu Loipen, Beschneiungsanlagen und Infrastruktur – seien aus ihrer Sicht letztlich Folgen der Umgestaltung eines ursprünglich großflächig vernässten Moorgebiets. Im weiteren Verlauf verlagerte sich der Schwerpunkt der Exkursion zunehmend auf die Moorflächen rund um die Nordic Arena. Nach Darstellung von Berger und Geiler handelt es sich bei großen Teilen des Geländes ursprünglich um Moor- beziehungsweise Anmoorstandorte. Teilnehmer konnten vor Ort beobachten, wie weich und wassergesättigt einzelne Bereiche noch heute sind. Immer wieder wurde auf die Funktion von Mooren als natürliche Wasserspeicher hingewiesen.

Moorböden wirken wie Schwämme. Sie speichern große Wassermengen, geben diese langsam wieder ab und stabilisieren damit den Wasserhaushalt einer Landschaft. Gleichzeitig binden Moore über lange Zeiträume erhebliche Mengen Kohlenstoff und gelten deshalb als wichtige natürliche Kohlenstoffspeicher. Aus Sicht der Referenten liegt hier ein grundlegender Widerspruch vor. Während Bund und Länder derzeit hohe Summen investieren, um trockengelegte Moore wieder zu vernässen, werde am Notschrei seit Jahrzehnten das Gegenteil praktiziert.


Drainagen als Schlüssel zum Verständnis der Anlage

Ein zentrales Thema der Begehung waren die Entwässerungssysteme im Bereich der Nordic Arena. Mehrfach wurden Gräben, Drainagen und technische Einrichtungen gezeigt, die nach Darstellung der Referenten dazu dienen, Wasser möglichst schnell aus dem Gelände abzuleiten. Berger schilderte, dass das Gebiet ursprünglich so nass gewesen sei, dass eine intensive Nutzung ohne umfangreiche Entwässerungsmaßnahmen kaum möglich gewesen wäre. Die Referenten vertreten die Auffassung, dass die heutige Nutzbarkeit großer Teile des Geländes unmittelbar mit diesen Entwässerungsmaßnahmen zusammenhängt. Wege, Loipen, technische Anlagen und Zufahrten hätten nur durch massive Eingriffe in den Wasserhaushalt errichtet werden können. Die Frage, ob ein solches Vorgehen langfristig mit den heutigen Zielen des Moor- und Naturschutzes vereinbar ist, zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung.


Styropor im Moorboden

Besonders großes Interesse löste ein Thema aus, das vielen Teilnehmern zuvor unbekannt war. Nach Angaben der Referenten wurden in früheren Jahrzehnten Styroporplatten und Styropormaterial in Moorbereiche eingebracht, um nasse Flächen zu stabilisieren und Wasser abzuleiten. Heute tritt dieses Material nach Aussagen der Referenten an zahlreichen Stellen wieder an die Oberfläche. Teilnehmer konnten entsprechende Funde im Gelände besichtigen. Die Kritik richtet sich dabei nicht nur gegen das Material selbst. Vielmehr wird befürchtet, dass das über Jahrzehnte gealterte Styropor zunehmend zerfällt und dadurch Mikroplastik in Moorboden und Gewässer gelangen könnte.

Der Wasserspeicher als Herzstück der Beschneiung

Eine zentrale Station der Exkursion war der große Wasserspeicher der Nordic Arena. Hier erläuterten die Referenten die technische Infrastruktur, die für die Beschneiung des Geländes erforderlich ist. Das gespeicherte Wasser wird über Pumpwerke, Leitungsnetze und Schneekanonen verteilt und bildet die Grundlage für die künstliche Schneeproduktion. Die Teilnehmer erhielten vor Ort einen Eindruck von den Dimensionen der Anlage. Aus Sicht der Betreiber stellt der Wasserspeicher eine unverzichtbare Voraussetzung für einen zuverlässigen Trainings- und Wettkampfbetrieb dar. Die Referenten verwiesen dagegen auf die erheblichen Eingriffe, die mit dem Bau der Anlage verbunden waren. Insbesondere die Lage innerhalb eines sensiblen Moor- und Feuchtgebietes wurde kritisch diskutiert.


Amphibienschutz als weiterer Konfliktpunkt

Am Speicherteich wurden die Konflikte um den Amphibienschutz besonders deutlich. Dieter Berger schilderte verschiedene Schutzmaßnahmen, die in den vergangenen Jahren eingerichtet wurden. Dazu gehören Amphibienzäune, Sammelbehälter und Ersatzgewässer. Nach seinen Angaben mussten wiederholt Tiere umgesiedelt werden. Unabhängig davon wurde bei der Begehung auch der Vorwurf angesprochen, dass bei einer früheren Öffnung des Ablasses am Wasserspeicherbecken zahlreiche erwachsene Amphibien ausgeschwemmt worden seien. Dieser Vorgang wurde ausdrücklich von den Problemen am Schneedepot unterschieden. Berger vertrat die Auffassung, dass die Amphibienproblematik letztlich eine Folge der technischen Umgestaltung des Geländes sei.

Bleimunition im Biathlonbereich

Ausführlich diskutiert wurde auch die Verwendung von Bleimunition auf dem Biathlongelände. Die Referenten verwiesen auf die über Jahre und Jahrzehnte verschossenen Mengen an Bleigeschossen, die sich im Boden ansammeln können. Nach ihrer Darstellung stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang Niederschlagswasser Bestandteile dieser Rückstände mobilisieren und in Boden oder Gewässer transportieren kann. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass Blei zu den toxikologisch relevanten Schwermetallen zählt und in anderen Bereichen – etwa als Benzinzusatz – aus Umweltschutzgründen längst verboten wurde. Die Referenten sehen deshalb weiteren Untersuchungsbedarf hinsichtlich möglicher langfristiger Auswirkungen auf Boden und Wasserhaushalt.


Langjährige Auseinandersetzungen mit Behörden

Während der Begehung berichteten die Referenten mehrfach von langjährigen Auseinandersetzungen mit Behörden, Betreibern und Fachstellen. Dabei ging es nach ihren Angaben unter anderem um Fragen des Amphibienschutzes, des Gewässerschutzes, der Moorentwässerung sowie um die Bewertung einzelner Vorfälle auf dem Gelände. Die Teilnehmer erhielten Einblick in verschiedene Schriftwechsel, Stellungnahmen und Dokumentationen aus den vergangenen Jahren.


Zwei Sichtweisen auf dieselbe Anlage

Bemerkenswert ist die unterschiedliche Wahrnehmung der Nordic Arena. Für Betreiber, Sportverbände und viele Sportler ist die Anlage ein bundesweit bedeutender Leistungsstützpunkt, der nationale und internationale Wettkämpfe ermöglicht und über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Für die Teilnehmer der Begehung steht hingegen eine andere Frage im Vordergrund: 

Wie lassen sich die Anforderungen eines modernen Leistungszentrums mit den Erfordernissen des Moor-, Natur-, Arten- und Gewässerschutzes in einem sensiblen Hochschwarzwaldgebiet vereinbaren?

Diese Frage blieb am Ende der Veranstaltung bewusst offen. Fest steht jedoch: Die Diskussion um die Nordic Arena Notschrei ist weit mehr als eine Debatte über Wintersport. Sie berührt grundlegende Fragen des Umgangs mit Mooren, Wasserressourcen, Naturschutzgebieten, technischen Großanlagen und öffentlichen Investitionen – und dürfte den Notschrei noch lange beschäftigen.

Hinweis zur Dokumentation

Der Beitrag wird bei Bedarf fortlaufend ergänzt und aktualisiert.

Für Presseanfragen, redaktionelle Berichterstattung oder wissenschaftliche Dokumentationen können die verwendeten Fotos auf Wunsch auch in deutlich höherer Auflösung zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus liegen weitere Bildaufnahmen der Exkursion, der Moorflächen, der ehemaligen Deponie, der Verockerungen, des Schneedepots, der Beschneiungsinfrastruktur sowie der besichtigten Gewässerbereiche vor.

Anfragen bitte direkt an:

Adrian Kempf                              

Römerweg 34                    
79199 Kirchzarten Burg

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© Adrian Kempf, Kirchzarten im Dreisamtal, 

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