Warum ist es im Dreisamtal so heiß und trocken?

Eine faktenbelegte Analyse jenseits der üblichen Erklärungen (Symbolfoto)
Am 27. Juni 2026 maß die Wetterstation der Universität Freiburg 38,8 Grad Celsius — wärmer als der bisherige Allzeitrekord aus dem Hitzesommer 2003. Am Universitätsklinikum wurden zur gleichen Zeit 43,1 Grad gemessen. Im Juli regnete es in Freiburg erstmals seit Wochen — auch die Schwarzwaldhänge oberhalb des Dreisamtals waren vollständig ausgetrocknet. Diese Zahlen sind keine Prognose. Sie sind Messwerte.
Dass das Dreisamtal und das Freiburger Umland zu den heißesten Regionen Deutschlands gehören, ist geografisch begründet: Der Oberrheingraben bildet einen nach Süden offenen Kanal, durch den mediterrane Heißluftmassen nahezu ungefiltert einströmen können. Der Schwarzwald im Osten, die Vogesen im Westen — kein Durchzug, ausgeprägte Stauwirkung, maximale Sonneneinstrahlung. In den 1950er-Jahren verzeichnete Freiburg im Schnitt drei bis fünf Hitzetage pro Jahr. Seit 2010 sind es 25 bis 30 — eine Versechsfachung innerhalb von zwei Generationen. Diese Entwicklung lässt sich nicht allein mit einer einzigen Ursache erklären. Wer sie ernsthaft verstehen will, muss mehrere Faktoren in den Blick nehmen, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommen.
Kondensstreifen: die unsichtbare Wärmedämmung
Seit Jahrzehnten weiß die Meteorologie, dass Kondensstreifen das regionale Klima beeinflussen — aber das Ausmaß dieses Effekts wurde lange systematisch unterschätzt. Kondensstreifen bestehen aus Eiskristallen und verhalten sich in der Atmosphäre wie eine künstliche Wolkenschicht. Tagsüber filtern sie einen Teil der Sonneneinstrahlung. Nachts — und das ist der entscheidende Punkt — verhindern sie die Abstrahlung von Wärme ins All. Die Erde kühlt sich nicht mehr vollständig ab. Die Nächte bleiben wärmer. Das Temperaturniveau steigt dauerhaft an.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat nachgewiesen, dass der Strahlungsantrieb durch Kondensstreifen-Cirruswolken bis 2050 auf das Dreifache des heutigen Werts ansteigen wird. Bereits heute bedecken linienförmige Kondensstreifen im Mittel rund 0,5 Prozent des Himmels über Zentraleuropa — mit regionalen Spitzen in stark beflogenen Korridoren. Das Dreisamtal liegt genau unter einem solchen Korridor: Die Flugrouten Straßburg–Zürich, Frankfurt–Mailand und Basel–München kreuzen sich über Südbaden. An klaren Tagen lässt sich das direkt beobachten.
Im Dezember 2025 haben Forschende des Instituts für Meteorologie der Universität Leipzig erstmals auch die Klimawirkung sogenannter „versteckter" Kondensstreifen bestimmt — also jener, die sich innerhalb natürlicher Zirruswolken bilden und deshalb mit dem bloßen Auge nicht mehr als Kondensstreifen erkennbar sind. Die Studie, veröffentlicht in Nature Communications, zeigt: Diese bisher vollständig ignorierten Kondensstreifen tragen bis zu zehn Prozent des Effekts normaler, sichtbarer Kondensstreifen zur atmosphärischen Erwärmung bei. Die tatsächliche Klimawirkung des Flugverkehrs ist damit noch größer als bislang angenommen. Germanwatch hat zusätzlich dokumentiert, dass in Regionen mit höherer Kondensstreifendichte die tägliche Temperaturspanne messbar sinkt — die Nächte werden wärmer, ohne dass die Tageshöchstwerte entsprechend zurückgehen. Für das Dreisamtal, das ohnehin in einer Wärmefalle liegt, verstärkt dieser Effekt die sommerliche Hitzebelastung strukturell.
Windkraftanlagen: Austrocknungseffekt und Luftschichtvermischung
Ein weiterer Faktor, der in der wissenschaftlichen Literatur belegt ist, aber in der öffentlichen Debatte kaum auftaucht, betrifft Windkraftanlagen. Forscher der niederländischen Universität Wageningen haben 2019 einen messbaren Austrocknungseffekt durch Windenergieanlagen nachgewiesen: Die Rotoren verwirbeln Luftschichten und entziehen dabei der bodennahen Atmosphäre Feuchtigkeit. Die Bundesregierung hat diesen Befund in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Deutschen Bundestag — Drucksache 20/3849 — behandelt, ohne den Effekt grundsätzlich zu bestreiten.
Die Harvard University hat diesen Befund 2018 aus einem anderen Winkel bestätigt: Die Ingenieure Lee M. Miller und David W. Keith publizierten in der Fachzeitschrift Joule, dass Windparks durch die Durchmischung wärmerer oberer Luftschichten mit kühler bodennaher Luft die lokale Bodentemperatur erhöhen. Der errechnete Effekt für die USA läge bei 0,24 Grad Celsius, wenn der gesamte Strombedarf durch Windkraft gedeckt würde — lokal, in unmittelbarer Umgebung von Windparks, sind die Effekte deutlich stärker messbar. Im Schwarzwald, wo in den vergangenen Jahren eine wachsende Zahl von Anlagen auf den Kammlagen errichtet wurde, ist dieser Effekt für die Täler darunter — darunter das Dreisamtal — potenziell relevant. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat mikroklimatische Effekte durch Windkraftanlagen in einem eigenen Gutachten (WD-8-076-20) untersucht und die Datenlage als real, wenn auch in der Quantifizierung noch unsicher, eingestuft.
Waldverlust: die Klimaanlage stirbt
Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft — er ist eine funktionierende hydrologische Maschine. Das Kronendach eines intakten Waldbestands hält bei jedem Regenereignis bis zu vier Liter Niederschlag pro Quadratmeter zurück; Wurzelsystem und Humusschicht verlangsamen den Abfluss und speisen die Grundwasserneubildung. Von einem Jahresniederschlag von 1.000 Millimetern werden in einem gesunden Waldbestand rund 300 Millimeter ins Grundwasser überführt. Jede Rodungsfläche, jede versiegelte Kranstellfläche, jeder neu gebaute Forstweg unterbricht diesen Kreislauf. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) betreibt unter dem Projekttitel „Wasserspeicher Wald" eigene Forschung zu dieser Funktion — und belegt, dass der Verlust von Waldflächen die Grundwasserneubildung und die lokale Verdunstungskühlung dauerhaft reduziert.
Ohne Verdunstungskühlung durch den Wald heizt sich der Boden schneller auf. Weniger Grundwasserbildung bedeutet trockenere Böden im Sommer. Trockenere Böden können Niederschläge schlechter aufnehmen — es entsteht ein Kreislauf aus Austrocknung und Oberflächenabfluss, der die Hitze der Täler direkt befeuert. Der Freiburger Hydrologe Andreas Hartmann hat öffentlich dokumentiert, dass der Süden Baden-Württembergs unter extremer Trockenheit leidet und die Verteilung der Jahresniederschläge sich zunehmend in die Wintermonate verschiebt — mit der Konsequenz, dass die sommerliche Wasserbilanz chronisch negativ wird.
Was zusammenkommt
Das Dreisamtal 2026 ist kein Einzelereignis. Es ist das Ergebnis mehrerer sich überlagernder und gegenseitig verstärkender Faktoren: die extreme Kessellage im Oberrheingraben, die durch keine natürliche Barriere gemildert wird; eine Kondensstreifendichte über Südbaden, die Nachtabkühlung systematisch verhindert und deren Klimawirkung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft bisher unterschätzt wurde; ein wachsender Bestand von Windkraftanlagen auf den umliegenden Kammlagen, deren mikroklimatische Effekte auf Bodenfeuchte und Luftschichtvermischung wissenschaftlich belegt sind; und der schleichende Verlust von Waldflächen, die bisher als natürliche Klimaanlage und Wasserspeicher funktionierten.
Keiner dieser Faktoren allein erklärt 43 Grad im Freiburger Stadtgebiet. Zusammen erklären sie, warum das Dreisamtal nicht kühler wird — sondern heißer.
Quellennachweis
n-tv Wissen: Kondensstreifen ähnlich klimaschädlich wie Treibhausgase. https://www.n-tv.de/wissen/Kondensstreifen-aehnlich-klimaschaedlich-wie-Treibhausgase-id30670698.html
Universität Leipzig, Institut für Meteorologie: Studie: „Versteckte" Kondensstreifen in Zirruswolken tragen zur Klimaerwärmung bei, Dezember 2025. https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/studie-versteckte-kondensstreifen-in-zirruswolken-tragen-zur-klimaerwaermung-bei-2025-12-12
scinexx.de: Klima: Wie versteckte Kondensstreifen zur Erwärmung beitragen, 2025. https://www.scinexx.de/news/geowissen/klima-wie-versteckte-kondensstreifen-zur-erwaermung-beitragen/
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): Klimaauswirkung von Wolken aus Flugzeugkondensstreifen — Auswirkungen bis 2050 verdreifacht, 2019. https://www.dlr.de/de/aktuelles/nachrichten/2019/02/20190627_klimaauswirkung-von-wolken-aus-flugzeugkondensstreifen
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): Wie Kondensstreifen das Klima beeinflussen. https://www.dlr.de/de/next/luftfahrt/technik/wie-kondensstreifen-das-klima-beeinflussen
Germanwatch e.V.: Kondensstreifen beeinflussen regionales Klima. https://www.germanwatch.org/de/1421
Deutscher Bundestag, Drucksache 20/3849: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage — Möglichkeit von Dürren durch Windenergie- und Photovoltaikanlagen, 2022. https://dserver.bundestag.de/btd/20/038/2003849.pdf
Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages, WD-8-076-20: Wissenschaftliche Literatur zu mikroklimatischen Effekten durch Windkraftanlagen. https://www.bundestag.de/resource/blob/819216/9800521ffbaee171ced09737243e38dd/wd-8-076-20-pdf-data.pdf
Miller, L. M. & Keith, D. W. (Harvard University): Observation-based solar and wind power capacity factors and power densities, veröffentlicht in Joule, Oktober 2018. Presseportal-Zusammenfassung: https://www.presseportal.de/pm/133833/4503752
Universität Wageningen / Achgut.com: Dürre durch Windräder?, 2019. https://www.achgut.com/artikel/duerre_durch_windraeder
Universität Freiburg: Messstationen dokumentieren Hitzerekord im Freiburger Stadtgebiet, 2026. https://uni-freiburg.de/messstationen-dokumentieren-hitzerekord-im-freiburger-stadtgebiet/
Badische Zeitung: Freiburger Hydrologe zur Dürre: „Der Süden leidet unter extremer Trockenheit". https://www.badische-zeitung.de/freiburger-hydrologe-zur-duerre-der-sueden-leidet-unter-extremer-trockenheit
Mitwelt.org: Hitze / Hitzesommer 2026: Oberrhein, Südbaden & Freiburg. https://www.mitwelt.org/hitze-hitzesommer-klima-wetter-klimawandel-oberrhein-baden-freiburg
FVA Baden-Württemberg: Projekt Wasserspeicher Wald. https://www.fva-bw.de
Adrian Kempf, Kirchzarten
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© Adrian Kempf, Kirchzarten im Dreisamtal