Warum ist es im Dreisamtal so heiß und trocken?

Eine faktenbelegte Analyse jenseits der üblichen Erklärungen (Symbolfoto)


Am 27. Juni 2026 maß die Wetterstation der Universität Freiburg 38,8 Grad Celsius — wärmer als der bisherige Allzeitrekord aus dem Hitzesommer 2003. Am Universitätsklinikum wurden zur gleichen Zeit 43,1 Grad gemessen. Im Juli regnete es in Freiburg erstmals seit Wochen — auch die Schwarzwaldhänge oberhalb des Dreisamtals waren vollständig ausgetrocknet. Diese Zahlen sind keine Prognose. Sie sind Messwerte.

Dass das Dreisamtal und das Freiburger Umland zu den heißesten Regionen Deutschlands gehören, ist geografisch begründet: Der Oberrheingraben bildet einen nach Süden offenen Kanal, durch den mediterrane Heißluftmassen nahezu ungefiltert einströmen können. Der Schwarzwald im Osten, die Vogesen im Westen — kein Durchzug, ausgeprägte Stauwirkung, maximale Sonneneinstrahlung. In den 1950er-Jahren verzeichnete Freiburg im Schnitt drei bis fünf Hitzetage pro Jahr. Seit 2010 sind es 25 bis 30 — eine Versechsfachung innerhalb von zwei Generationen. Diese Entwicklung lässt sich nicht allein mit einer einzigen Ursache erklären. Wer sie ernsthaft verstehen will, muss mehrere Faktoren in den Blick nehmen, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommen.

Kondensstreifen: die unsichtbare Wärmedämmung

Seit Jahrzehnten weiß die Meteorologie, dass Kondensstreifen das regionale Klima beeinflussen — aber das Ausmaß dieses Effekts wurde lange systematisch unterschätzt. Kondensstreifen bestehen aus Eiskristallen und verhalten sich in der Atmosphäre wie eine künstliche Wolkenschicht. Tagsüber filtern sie einen Teil der Sonneneinstrahlung. Nachts — und das ist der entscheidende Punkt — verhindern sie die Abstrahlung von Wärme ins All. Die Erde kühlt sich nicht mehr vollständig ab. Die Nächte bleiben wärmer. Das Temperaturniveau steigt dauerhaft an.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat nachgewiesen, dass der Strahlungsantrieb durch Kondensstreifen-Cirruswolken bis 2050 auf das Dreifache des heutigen Werts ansteigen wird. Bereits heute bedecken linienförmige Kondensstreifen im Mittel rund 0,5 Prozent des Himmels über Zentraleuropa — mit regionalen Spitzen in stark beflogenen Korridoren. Das Dreisamtal liegt genau unter einem solchen Korridor: Die Flugrouten Straßburg–Zürich, Frankfurt–Mailand und Basel–München kreuzen sich über Südbaden. An klaren Tagen lässt sich das direkt beobachten.

Im Dezember 2025 haben Forschende des Instituts für Meteorologie der Universität Leipzig erstmals auch die Klimawirkung sogenannter „versteckter" Kondensstreifen bestimmt — also jener, die sich innerhalb natürlicher Zirruswolken bilden und deshalb mit dem bloßen Auge nicht mehr als Kondensstreifen erkennbar sind. Die Studie, veröffentlicht in Nature Communications, zeigt: Diese bisher vollständig ignorierten Kondensstreifen tragen bis zu zehn Prozent des Effekts normaler, sichtbarer Kondensstreifen zur atmosphärischen Erwärmung bei. Die tatsächliche Klimawirkung des Flugverkehrs ist damit noch größer als bislang angenommen. Germanwatch hat zusätzlich dokumentiert, dass in Regionen mit höherer Kondensstreifendichte die tägliche Temperaturspanne messbar sinkt — die Nächte werden wärmer, ohne dass die Tageshöchstwerte entsprechend zurückgehen. Für das Dreisamtal, das ohnehin in einer Wärmefalle liegt, verstärkt dieser Effekt die sommerliche Hitzebelastung strukturell.

Windkraftanlagen: Austrocknungseffekt und Luftschichtvermischung

Ein weiterer Faktor, der in der wissenschaftlichen Literatur belegt ist, aber in der öffentlichen Debatte kaum auftaucht, betrifft Windkraftanlagen. Forscher der niederländischen Universität Wageningen haben 2019 einen messbaren Austrocknungseffekt durch Windenergieanlagen nachgewiesen: Die Rotoren verwirbeln Luftschichten und entziehen dabei der bodennahen Atmosphäre Feuchtigkeit. Die Bundesregierung hat diesen Befund in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Deutschen Bundestag — Drucksache 20/3849 — behandelt, ohne den Effekt grundsätzlich zu bestreiten.

Die Harvard University hat diesen Befund 2018 aus einem anderen Winkel bestätigt: Die Ingenieure Lee M. Miller und David W. Keith publizierten in der Fachzeitschrift Joule, dass Windparks durch die Durchmischung wärmerer oberer Luftschichten mit kühler bodennaher Luft die lokale Bodentemperatur erhöhen. Der errechnete Effekt für die USA läge bei 0,24 Grad Celsius, wenn der gesamte Strombedarf durch Windkraft gedeckt würde — lokal, in unmittelbarer Umgebung von Windparks, sind die Effekte deutlich stärker messbar. Im Schwarzwald, wo in den vergangenen Jahren eine wachsende Zahl von Anlagen auf den Kammlagen errichtet wurde, ist dieser Effekt für die Täler darunter — darunter das Dreisamtal — potenziell relevant. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat mikroklimatische Effekte durch Windkraftanlagen in einem eigenen Gutachten (WD-8-076-20) untersucht und die Datenlage als real, wenn auch in der Quantifizierung noch unsicher, eingestuft.

Wind als Feuchtigkeitstransporter — und was passiert, wenn er schwächer wird

Einen weiteren, selten diskutierten Mechanismus hat Professor Gerd Ganteför, Physikprofessor und Wissenschaftskommunikator, öffentlich formuliert: Wind ist der einzige Mechanismus, der Feuchtigkeit vom Meer auf die Kontinente bringt. Über den Ozeanen verdunstet durch Sonneneinstrahlung Wasser — der Wind transportiert diese Feuchtigkeit landeinwärts und macht damit Regen auf den Kontinenten erst möglich. Ohne Wind wären die Landmassen trocken. Das ist keine Theorie, sondern grundlegende Physik.

Wenn nun Windkraftanlagen in immer größerer Zahl und Dichte der Luftströmung kinetische Energie entziehen, wird dieser Wind nachweislich langsamer. Windparks, die im Windschatten anderer Windparks liegen, haben messbar geringere Erträge — ein Effekt, den die Branche selbst kennt und der die Wirtschaftlichkeit von Folgeprojekten beeinflusst. Was für die Ertragsseite gilt, gilt ebenso für den Feuchtigkeitstransport: Weniger Wind ins Landesinnere bedeutet weniger Niederschlag, trockenere Böden, stärkere Hitze in den Tälern.

Daten des Deutschen Wetterdienstes, ausgewertet in Zusammenarbeit mit dem BMDV-Expertennetzwerk, zeigen für das Jahr 2024 über den europäischen Landflächen überwiegend rückläufige Windgeschwindigkeiten, während über den Meeresflächen — insbesondere vor der norwegischen Küste — mehr Wind gemessen wurde. Ob dahinter der fortschreitende Ausbau der Onshore-Windenergie steckt oder andere Faktoren, lässt sich anhand einer Momentaufnahme noch nicht abschließend sagen. Ganteför selbst ist vorsichtig: Erst eine mehnjährige Zeitreihe würde den Trend statistisch absichern. Aber er hält fest: Das beobachtete Bild ist genau das, was man erwarten würde, wenn massive Energieentnahme aus den Luftströmungen tatsächlich zur Windabschwächung über Land führt. Im Dreisamtal, das auf den Feuchtigkeitstransport aus dem Atlantik über die Burgundische Pforte angewiesen ist, wäre ein solcher Effekt direkt spürbar — als trockenere Sommer, als weniger Regen in der Hauptwachstumszeit, als sinkende Grundwasserspiegel in den Hanglagen.

Waldverlust: die Klimaanlage stirbt

Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft — er ist eine funktionierende hydrologische Maschine. Das Kronendach eines intakten Waldbestands hält bei jedem Regenereignis bis zu vier Liter Niederschlag pro Quadratmeter zurück; Wurzelsystem und Humusschicht verlangsamen den Abfluss und speisen die Grundwasserneubildung. Von einem Jahresniederschlag von 1.000 Millimetern werden in einem gesunden Waldbestand rund 300 Millimeter ins Grundwasser überführt. Jede Rodungsfläche, jede versiegelte Kranstellfläche, jeder neu gebaute Forstweg unterbricht diesen Kreislauf. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) betreibt unter dem Projekttitel „Wasserspeicher Wald" eigene Forschung zu dieser Funktion — und belegt, dass der Verlust von Waldflächen die Grundwasserneubildung und die lokale Verdunstungskühlung dauerhaft reduziert.

Ohne Verdunstungskühlung durch den Wald heizt sich der Boden schneller auf. Weniger Grundwasserbildung bedeutet trockenere Böden im Sommer. Trockenere Böden können Niederschläge schlechter aufnehmen — es entsteht ein Kreislauf aus Austrocknung und Oberflächenabfluss, der die Hitze der Täler direkt befeuert. Der Freiburger Hydrologe Andreas Hartmann hat öffentlich dokumentiert, dass der Süden Baden-Württembergs unter extremer Trockenheit leidet und die Verteilung der Jahresniederschläge sich zunehmend in die Wintermonate verschiebt — mit der Konsequenz, dass die sommerliche Wasserbilanz chronisch negativ wird.

Was zusammenkommt

Das Dreisamtal 2026 ist kein Einzelereignis. Es ist das Ergebnis mehrerer sich überlagernder und gegenseitig verstärkender Faktoren: die extreme Kessellage im Oberrheingraben, die durch keine natürliche Barriere gemildert wird; eine Kondensstreifendichte über Südbaden, die Nachtabkühlung systematisch verhindert und deren Klimawirkung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft bisher unterschätzt wurde; ein wachsender Bestand von Windkraftanlagen auf den umliegenden Kammlagen, deren mikroklimatische Effekte auf Bodenfeuchte und Luftschichtvermischung wissenschaftlich belegt sind; und der schleichende Verlust von Waldflächen, die bisher als natürliche Klimaanlage und Wasserspeicher funktionierten.

Keiner dieser Faktoren allein erklärt 43 Grad im Freiburger Stadtgebiet. Zusammen erklären sie, warum das Dreisamtal nicht kühler wird — sondern heißer.


Quellennachweis

n-tv Wissen: Kondensstreifen ähnlich klimaschädlich wie Treibhausgase. https://www.n-tv.de/wissen/Kondensstreifen-aehnlich-klimaschaedlich-wie-Treibhausgase-id30670698.html

Universität Leipzig, Institut für Meteorologie: Studie: „Versteckte" Kondensstreifen in Zirruswolken tragen zur Klimaerwärmung bei, Dezember 2025. https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/studie-versteckte-kondensstreifen-in-zirruswolken-tragen-zur-klimaerwaermung-bei-2025-12-12

scinexx.de: Klima: Wie versteckte Kondensstreifen zur Erwärmung beitragen, 2025. https://www.scinexx.de/news/geowissen/klima-wie-versteckte-kondensstreifen-zur-erwaermung-beitragen/

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): Klimaauswirkung von Wolken aus Flugzeugkondensstreifen — Auswirkungen bis 2050 verdreifacht, 2019. https://www.dlr.de/de/aktuelles/nachrichten/2019/02/20190627_klimaauswirkung-von-wolken-aus-flugzeugkondensstreifen

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): Wie Kondensstreifen das Klima beeinflussen. https://www.dlr.de/de/next/luftfahrt/technik/wie-kondensstreifen-das-klima-beeinflussen

Germanwatch e.V.: Kondensstreifen beeinflussen regionales Klima. https://www.germanwatch.org/de/1421

Deutscher Bundestag, Drucksache 20/3849: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage — Möglichkeit von Dürren durch Windenergie- und Photovoltaikanlagen, 2022. https://dserver.bundestag.de/btd/20/038/2003849.pdf

Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages, WD-8-076-20: Wissenschaftliche Literatur zu mikroklimatischen Effekten durch Windkraftanlagen. https://www.bundestag.de/resource/blob/819216/9800521ffbaee171ced09737243e38dd/wd-8-076-20-pdf-data.pdf

Miller, L. M. & Keith, D. W. (Harvard University): Observation-based solar and wind power capacity factors and power densities, veröffentlicht in Joule, Oktober 2018. Presseportal-Zusammenfassung: https://www.presseportal.de/pm/133833/4503752

Universität Wageningen / Achgut.com: Dürre durch Windräder?, 2019. https://www.achgut.com/artikel/duerre_durch_windraeder

Universität Freiburg: Messstationen dokumentieren Hitzerekord im Freiburger Stadtgebiet, 2026. https://uni-freiburg.de/messstationen-dokumentieren-hitzerekord-im-freiburger-stadtgebiet/

Badische Zeitung: Freiburger Hydrologe zur Dürre: „Der Süden leidet unter extremer Trockenheit". https://www.badische-zeitung.de/freiburger-hydrologe-zur-duerre-der-sueden-leidet-unter-extremer-trockenheit

Mitwelt.org: Hitze / Hitzesommer 2026: Oberrhein, Südbaden & Freiburg. https://www.mitwelt.org/hitze-hitzesommer-klima-wetter-klimawandel-oberrhein-baden-freiburg

FVA Baden-Württemberg: Projekt Wasserspeicher Wald. https://www.fva-bw.de

„Von einer KI überprüfen lassen" — eine Antwort auf einen Leserbrief

Ein Leser hat meinen Artikel „Warum ist es im Dreisamtal so heiß und trocken?" durch ChatGPT prüfen lassen und mir das Ergebnis geschickt, mit folgender Nachricht:

„Ich habe ihren Artikel zur Klimaerwärmung gelesen und von einer KI hinsichtlich ihrer Aussagen überprüfen lassen. Eine spannende Einordnung, die ihren Artikel und die Aussagen relativiert. Trotzdem ist es interessant, dass Kondensstreifen ihren Teil dazu beitragen, wenngleich man diese Aussage jedoch im Kontext beleuchten muss."

Angehängt war eine mehrseitige ChatGPT-Analyse mit dem Fazit „überwiegend irreführend". Das lohnt eine öffentliche Antwort — nicht weil ein Leserbrief das verdient, sondern weil der Vorgang selbst lehrreich ist: Was leistet eine KI-„Faktenprüfung" wirklich, und was nicht?

Erstens: Was die KI tatsächlich bestätigt hat. Liest man die zugeschickte Analyse aufmerksam, bewertet ChatGPT als richtig: sämtliche Temperaturmesswerte aus Freiburg; die grundsätzliche erwärmende Klimawirkung von Kondensstreifen; die Leipziger Studie zu „versteckten" Kondensstreifen in Zirruswolken; die Harvard-Studie zur Bodenerwärmung durch Windparks samt der 0,24-Grad-Zahl; dass Windparks lokal die atmosphärische Grenzschicht und Oberflächentemperatur verändern können; die Funktion des Waldes als Wasserspeicher und Kühlfaktor; und dass trockene Böden Niederschlag schlechter aufnehmen. Das sind sieben von acht geprüften Kernaussagen. Der Rest der Kritik besteht überwiegend aus Formulierungseinwänden („sprachlich überzogen", „zu pauschal") und einem wiederkehrenden Punkt: Für das Dreisamtal speziell fehle die lokale Attributionsstudie. Ein Gesamturteil „überwiegend irreführend" bei sieben von acht bestätigten Fakten ist bemerkenswert — und sagt mehr über die Gewichtung der Prüfung aus als über den Artikel.

Zweitens: ein Maßstab, der nur in eine Richtung gilt. Die KI fordert für die regionale Einordnung von Kondensstreifen und Windkraft Satellitendaten, Strahlungsmessungen über Südbaden und eine vollständige meteorologische Attribution. Ein methodisch korrekter Anspruch. Nur wird er ausschließlich auf diese Faktoren angewendet — während „globale Erwärmung durch anthropogene Treibhausgase" als Erklärung für dieselbe Hitzewelle ohne eine einzige der geforderten lokalen Attributionsstudien akzeptiert wird. Wer für die eine Erklärung Beweise auf Laborniveau verlangt und die andere per Handauflegen durchwinkt, betreibt keine Faktenprüfung. Er sortiert Behauptungen nach politischer Opportunität und nennt es dann Wissenschaft.

Drittens: die Bundestagsdrucksache 20/3849. Die KI wirft mir vor, ich hätte verschwiegen, dass die Bundesregierung Windräder als Ursache großräumiger Trockenheit ausschließt. Verschwiegen wurde nichts — die Quelle ist im Artikel verlinkt, jeder kann sie selbst lesen. Bemerkenswert ist eher, was dort tatsächlich steht: Die Bundesregierung, die den Windkraftausbau massiv vorantreibt, bescheinigt sich selbst Unbedenklichkeit — mit der Formulierung, ihr „lägen keine Erkenntnisse" zu einem Feuchtigkeitsverlust im Umfeld von Windrädern vor. Keine Erkenntnisse zu haben ist kein Entlastungsbeweis. Es ist das Eingeständnis, nicht gemessen zu haben. Eine Partei, die selbst über den Ausbau entscheidet, als neutralen Kronzeugen gegen Kritik an genau diesem Ausbau anzuführen, ist keine unabhängige Quelle.

Viertens: der Feuchtigkeitstransport durch Wind. Der Artikel wurde inzwischen um einen Abschnitt erweitert, den die geprüfte Fassung noch nicht enthielt: den physikalischen Mechanismus, mit dem Wind Feuchtigkeit von den Ozeanen auf die Kontinente trägt. Über dem Meer verdunstet durch Sonneneinstrahlung Wasser; der Wind transportiert diese Feuchtigkeit landeinwärts — ohne Wind kein Regen auf dem Festland. Das ist Grundlagenphysik, keine These. Windkraftanlagen entziehen der Luftströmung kinetische Energie; das ist ihr Funktionsprinzip. Dass Windparks im Windschatten anderer Windparks messbar geringere Erträge erzielen, bestätigt die Branche selbst — es ist der Grund, warum manche Folgeprojekte unwirtschaftlich werden. Dieselbe Energieentnahme, die den Ertrag des Nachbarparks senkt, schwächt zugleich den Feuchtigkeitstransport ins Landesinnere. Daten des Deutschen Wetterdienstes, ausgewertet mit dem BMDV-Expertennetzwerk, zeigen für 2024 über den europäischen Landflächen überwiegend rückläufige Windgeschwindigkeiten, über den Meeresflächen dagegen Zunahmen. Ob dahinter bereits der Windkraftausbau steckt oder das allgemeine Phänomen des „Windstilling", lässt sich aus einer einzelnen Jahreskarte nicht beweisen — deshalb formuliert der Artikel hier bewusst vorsichtig und fordert genau das ein, was ihm angeblich fehlt: eine mehrjährige Zeitreihe. Das ist wissenschaftliche Zurückhaltung, keine Irreführung.

Fünftens, zur Methode selbst. Die verwendete KI konnte den Artikel nicht eigenständig aufrufen — sie hat ausschließlich den Text bewertet, der ihr vorgelegt wurde, ohne eine einzige der verlinkten Primärquellen selbst zu öffnen und zu prüfen. Eine Faktenkontrolle, die keine einzige Originalquelle liest, ist keine Prüfung. Es ist eine Plausibilitätsbewertung von Textbausteinen — mit dem Anschein wissenschaftlicher Autorität, aber ohne deren Substanz.

Im Artikel stehen 16 offen zugängliche Quellen — von Nature Communications über das DLR bis zum Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages. Jeder ist eingeladen, sie selbst zu lesen. Genau das unterscheidet eine Analyse von einer Behauptung.

Was die Hitzerekorde noch erklärt — sieben Faktoren, über die kaum jemand spricht

Ergänzung zum Artikel „Warum ist es im Dreisamtal so heiß und trocken?" — Adrian Kempf, Kirchzarten


Wer nach den Ursachen der jüngsten Hitzerekorde fragt, bekommt in der Regel eine einzige Antwort: CO2. Diese Antwort ist bequem, weil sie keine weiteren Fragen erlaubt. Die wissenschaftliche Literatur der letzten Jahre erzählt jedoch eine differenziertere Geschichte: Es gibt eine ganze Reihe messbarer, publizierter und teils erst kürzlich entdeckter Mechanismen, die zur aktuellen Erwärmung und Austrocknung beitragen — und die in der öffentlichen Debatte praktisch nicht vorkommen. Wer sie benennt, leugnet keine Erwärmung. Er weigert sich lediglich, eine komplexe Realität auf ein einziges Molekül zu reduzieren.

Erstens: Der Schiffsabgas-Effekt — die unbeabsichtigte Klimamanipulation von 2020. Zum 1. Januar 2020 senkte die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) den zulässigen Schwefelgehalt in Schiffstreibstoffen von 3,5 auf 0,5 Prozent. Die Folge: Die Schwefeldioxid-Emissionen der weltweiten Schifffahrt brachen um rund 80 Prozent ein. Was als Umweltschutzmaßnahme gedacht war, hatte eine massive Nebenwirkung: Schwefelaerosole aus Schiffsabgasen hatten jahrzehntelang helle Wolkenstreifen über den Ozeanen erzeugt, die Sonnenstrahlung ins All reflektierten. Diese künstliche Abkühlung fiel schlagartig weg. Eine Studie der University of Maryland, publiziert in Communications Earth & Environment, kommt zu dem Ergebnis, dass rund 80 Prozent des Anstiegs der auf der Erde gespeicherten Wärmeenergie seit 2020 eine unbeabsichtigte Nebenwirkung dieser Regulierung sein könnte. Die stärkste Aerosolreduktion wurde über dem Nordatlantik berechnet — genau der Region, aus der Westeuropa sein Wetter bezieht. Die Hitzerekorde der Jahre seit 2022 fallen exakt in dieses Zeitfenster. Das ist kein Randdetail. Es ist einer der größten ungewollten Eingriffe in den Strahlungshaushalt der Erde — und er wird in kaum einem Medienbericht über Hitzewellen auch nur erwähnt.

Zweitens: Global Brightening — die Luft wurde sauberer, die Sonne stärker. Derselbe Mechanismus wirkt über Land, und zwar seit Jahrzehnten. Zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren dämpfte die Luftverschmutzung der Industriestaaten die Sonneneinstrahlung messbar — Meteorologen nennen das „Global Dimming". Mit der Luftreinhaltung ab den 1980er-Jahren kehrte sich der Trend um: Der Deutsche Wetterdienst misst seit 1983 einen klaren Aufwärtstrend der Globalstrahlung über Deutschland. MeteoSchweiz und die ETH Zürich bestätigen: Die Sonneneinstrahlung über Europa nimmt seit Mitte der 1980er-Jahre zu, hauptsächlich wegen verminderter Aerosolkonzentration. Mehr Sonnenenergie am Boden bedeutet höhere Spitzentemperaturen, stärkere Verdunstung, schnellere Bodenaustrocknung. Ausgerechnet der Erfolg der Luftreinhaltung trägt damit messbar zu den heutigen Temperaturrekorden bei — ein Zusammenhang, den der DWD dokumentiert, der aber in keiner Schlagzeile auftaucht.

Drittens: Hunga Tonga — der Vulkan, der die Stratosphäre befeuchtete. Im Januar 2022 explodierte der Unterwasservulkan Hunga Tonga-Hunga Ha'apai im Pazifik. Weil die Eruption unter Wasser stattfand, schleuderte sie nicht primär abkühlende Asche, sondern nach Berechnungen der NOAA rund 146 Millionen Tonnen Wasserdampf in die Stratosphäre — eine Erhöhung des stratosphärischen Wasserdampfgehalts um etwa zehn Prozent. Wasserdampf ist das wirksamste Treibhausgas überhaupt. Die NASA selbst räumte einen vorübergehenden Erwärmungseffekt an der Erdoberfläche ein. Über die genaue Größe dieses Effekts wird in der Fachliteratur gestritten — aber der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Die globalen Temperaturrekorde von 2023 und 2024 fielen exakt in die Jahre, in denen diese Wasserdampffracht in der Stratosphäre zirkulierte. Ein Jahrhundertereignis dieser Größenordnung müsste in jeder seriösen Ursachenanalyse auftauchen. Es taucht fast nirgends auf.

Viertens: Die Sonne selbst — Zyklus 25 fiel deutlich stärker aus als vorhergesagt. Der aktuelle Sonnenzyklus erreichte sein Maximum im Oktober 2024 mit einer geglätteten Sonnenfleckenzahl von 161 — prognostiziert waren 115. Im August 2024 lag die monatliche Sonnenfleckenzahl mit 216 fast doppelt so hoch wie vorhergesagt. Die Jahre der jüngsten Hitzerekorde waren zugleich Jahre eines unerwartet starken solaren Maximums. Der direkte Strahlungseffekt der Sonnenaktivität auf die Erdtemperatur ist nach gängiger Auffassung klein — aber er ist nicht null, er addiert sich zu allen anderen Faktoren, und er hat exakt in den Rekordjahren seinen Höhepunkt erreicht.

Fünftens: Blockierende Wetterlagen — die Omega-Lage macht die Hitze erst extrem. Kein einziger Hitzerekord entsteht ohne eine konkrete Wetterlage. Die Freiburger Rekordwerte vom Juni 2026 entstanden unter einer sogenannten Omega-Lage: Ein stabiles Hochdruckgebiet liegt wie der griechische Buchstabe Omega zwischen zwei Tiefs fest und lässt tage- bis wochenlang subtropische Luft an Ort und Stelle braten. Der Deutsche Wetterdienst beschreibt diesen Mechanismus ausführlich. Entscheidend ist: Ob ein Sommer Rekorde bringt, entscheidet nicht die globale Mitteltemperatur, sondern die Frage, ob und wie lange sich solche Blockadelagen festsetzen. Etwa ein Drittel der Zunahme von Hitzewellen in Europa wird in der Fachliteratur auf veränderte Jetstream-Muster zurückgeführt — ein dynamischer Effekt, der mit der simplen CO2-Erzählung („mehr Treibhausgas gleich mehr Hitze") nur sehr indirekt zu tun hat.

Sechstens: Die ausgeräumte Landschaft — wie wir den kleinen Wasserkreislauf zerstört haben. Mehr als die Hälfte des Niederschlags über Land stammt nicht aus dem Ozean, sondern aus der Verdunstung der Landschaft selbst — dem sogenannten kleinen Wasserkreislauf. Dieser Kreislauf wird seit Jahrzehnten systematisch geschwächt: Flüsse wurden begradigt und transportieren Wasser im Eiltempo aus der Landschaft; Felder werden durch Drainagen entwässert; Moore wurden trockengelegt; Hecken verschwanden aus der Agrarlandschaft; Böden wurden durch schwere Maschinen verdichtet; und jeden Tag werden in Deutschland weitere Flächen versiegelt. Jeder dieser Eingriffe reduziert die Fähigkeit der Landschaft, Wasser zu speichern und über Verdunstung zu kühlen. Eine ausgeräumte, entwässerte, versiegelte Landschaft ist eine heiße Landschaft — unabhängig davon, was in der Atmosphäre passiert. Die Fachliteratur zur „Reparatur der Landschaft" ist umfangreich; in der Hitzedebatte kommt sie nicht vor, weil sie unbequeme Fragen an Landwirtschaftspolitik, Straßenbau und Flächenverbrauch stellt.

Siebtens: Der Wasserexport — das Dreisamtal entwässert sich selbst. Ein Faktor, den keine Trockenheitsbilanz erfasst, liegt buchstäblich unter unseren Füßen: die Abwasserinfrastruktur. Im gesamten Dreisamtal und im Freiburger Osten gibt es keine lokale Kläranlage. Das komplette Abwasser — bei einem Verbrauch von 120 bis 150 Litern pro Person und Tag — wird über Sammelleitungen zur Großkläranlage in der Breisgauer Bucht bei Forchheim transportiert und nach der Reinigung in den Vorfluter Richtung Rhein geleitet. Es kehrt nie in den lokalen Wasserkreislauf zurück. Allein 10.000 Einwohner entziehen dem Tal auf diesem Weg rund eine halbe Million Kubikmeter Wasser pro Jahr — Wasser, das über Brunnen und Quellen aus dem Tal entnommen wurde und das früher über Versickerung vor Ort wieder ins Grundwasser gelangte. Heute funktioniert das Tal hydrologisch wie eine Einbahnstraße: Trinkwasser wird lokal gefördert, Abwasser überregional entsorgt. Bei mehreren zehntausend Einwohnern im Einzugsgebiet summiert sich der jährliche Nettoexport auf Millionen Kubikmeter — eine dauerhafte Entnahme aus der Wasserbilanz des Tals, die in keiner Trockenheitsdebatte auftaucht. Dieser Hinweis stammt von einem aufmerksamen Leser dieses Blogs.

Achtens: Die Bodenfeuchte-Rückkopplung — Trockenheit erzeugt Hitze, nicht nur umgekehrt. Der am besten belegte Verstärkungsmechanismus ist zugleich der am wenigsten kommunizierte: Trockene Böden machen Hitzewellen erst extrem. Solange der Boden feucht ist, verbraucht die Verdunstung einen großen Teil der Sonnenenergie — die Landschaft kühlt sich selbst. Ist der Boden ausgetrocknet, fließt dieselbe Sonnenenergie vollständig in die Aufheizung der Luft. Die europäischen Extremsommer 1976, 1994, 2003 und 2018 sind in der Fachliteratur ausdrücklich als Fälle dokumentiert, in denen vorausgehende Bodentrockenheit die Hitze massiv verstärkte. Das bedeutet: Alles, was Böden austrocknet — Entwässerung, Versiegelung, Waldverlust, Windabschwächung, gestörter Feuchtigkeitstransport — erzeugt über diese Rückkopplung direkt höhere Temperaturen. Die Kausalkette läuft in beide Richtungen, und die Richtung „trockenes Land macht heiße Luft" liegt zu einem erheblichen Teil in unserer eigenen Hand — regional, hier, im Dreisamtal.

Das Fazit liegt auf der Hand: Die Hitzerekorde der letzten Jahre sind ein Summenphänomen. Der Wegfall der Schwefelaerosole über dem Nordatlantik, die gestiegene Sonneneinstrahlung durch saubere Luft, die Wasserdampffracht des Hunga Tonga, ein unerwartet starkes Sonnenmaximum, festgefahrene Omega-Wetterlagen, eine entwässerte und versiegelte Landschaft und die Bodenfeuchte-Rückkopplung — jeder dieser Faktoren ist publiziert, messbar und dokumentiert. Wer jede Hitzewelle reflexhaft mit einem einzigen Wort erklärt, betreibt keine Wissenschaft, sondern Liturgie. Und wer die regionalen, selbstgemachten Faktoren ausblendet — die Austrocknung der Landschaft, den Waldverlust, die Eingriffe in Wind- und Wasserhaushalt —, verbaut sich genau die Handlungsmöglichkeiten, die vor Ort tatsächlich bestehen. Man kann in Kirchzarten kein globales CO2-Molekül einfangen. Man kann aber verhindern, dass die letzten Wasserspeicher des Schwarzwalds für Beton geopfert werden.


Quellennachweis

University of Maryland: Studie zu IMO 2020 und Wärmeenergie-Anstieg, in: Communications Earth & Environment. Berichterstattung: https://t3n.de/news/paradoxer-klimaeffekt-wie-stark-tragen-sauberere-schiffsabgase-tatsaechlich-zur-erderwaermung-bei-1634869/

science.ORF.at: Studie: Verstärkte Erwärmung durch sauberere Luft. https://science.orf.at/stories/3225243/

Deutscher Wetterdienst: Entwicklung der Globalstrahlung 1983–2020 in Deutschland (Dekadenbericht). https://www.dwd.de/DE/leistungen/solarenergie/download_dekadenbericht.pdf

MeteoSchweiz: Warum nimmt die Sonneneinstrahlung in Europa seit Mitte der 1980er-Jahre zu?, 2024. https://www.meteoschweiz.admin.ch/ueber-uns/meteoschweiz-blog/de/2024/05/warum-nimmt-sonneneinstrahlung-in-europa-seit-1980-zu.html

ETH Zürich: Aerosole verändern Sonneneinstrahlung über Jahrzehnte, 2021. https://ethz.ch/en/news-and-events/eth-news/news/2021/02/human-impact-on-solar-radiation-levels-for-decades.html

NOAA / NASA: Wasserdampfeintrag Hunga Tonga (146 Teragramm). Berichterstattung: https://www.daswetter.com/nachrichten/wissenschaft/eruption-des-hunga-tonga-und-die-unsicherheit-des-klimatischen-einflusses.html

Vulkane.net: Wasserdampf vom Vulkanausbruch in Tonga beeinflusst Klima. https://www.vulkane.net/blogmobil/wasserdampf-von-vulkanausbruch-in-tonga-beeinflusst-klima/

NOAA: Sonnenzyklus 25 — Höhepunkt früher und stärker als erwartet. https://www.daswetter.com/nachrichten/aktuelles/sonnenzyklus-noaa-hoehepunkt-spannung-erreicht.html

heise online: 25. Sonnenzyklus jetzt auch offiziell stärker und mit früherem Maximum. https://www.heise.de/news/Sonne-jetzt-doch-aktiver-und-mit-deutlich-mehr-Sonnenflecken-als-vorhergesagt-9350207.html

Deutscher Wetterdienst: Thema des Tages — Die Omegawetterlage. https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2026/3/6.html

Bildungsserver Klimawandel: Blockierende Wetterlage. https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Blockierende_Wetterlage

Aufbauende Landwirtschaft: Wenn Landschaften austrocknen — wie wir den kleinen Wasserkreislauf schwächen. https://aufbauende-landwirtschaft.de/wenn-landschaften-austrocknen-wie-wir-den-kleinen-wasserkreislauf-schwaechen/

NEUE LANDSCHAFT: Wasser zurückhalten, speichern und verdunsten: Reparatur der Landschaft. https://neuelandschaft.de/artikel/wasser-zurueckhalten-speichern-und-verdunsten-reparatur-der-landschaft-9522

SRF Meteo: Trockene Böden verstärken die Hitze. https://www.srf.ch/meteo/meteo-stories/spannender-zusammenhang-wie-trockenheit-die-hitze-verstaerkt

Bildungsserver Klimawandel: Hitze und Trockenheit (Boden) — Bodenfeuchte-Rückkopplung. https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Hitze_und_Trockenheit_(Boden)

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Adrian Kempf, Kirchzarten

 

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© Adrian Kempf, Kirchzarten im Dreisamtal

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