Die eigentliche Frage lautet: Wo bleibt die Friedenspflicht des Grundgesetzes?

Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen – so lautete die Lehre nach 1945. Heute prägen Begriffe wie ‚kriegstüchtig‘, ‚Fight Tonight‘ und ‚stärkste Armee Europas‘ die politische Debatte. Das Symbolbild zeigt den Start von Kampfdrohnen aus einem deutschen Trägersystem und steht für die Frage, ob Deutschland noch dem Frieden dient oder sich schrittweise auf einen großen militärischen Konflikt vorbereitet.
Kriegstüchtig statt friedensfähig? Deutschland, Europa und die gefährliche Verschiebung der Maßstäbe
Wer die politische Entwicklung der letzten Jahre verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, als habe sich Deutschland von den Lehren seiner eigenen Geschichte immer weiter entfernt.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius fordert, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt, Deutschland solle zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ werden. Generalinspekteur Carsten Breuer warnt regelmäßig vor einer möglichen militärischen Konfrontation mit Russland bis zum Jahr 2029 und fordert Streitkräfte mit „Fight-Tonight-Fähigkeit“, also Verbände, die sofort einsatzbereit sind. Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz erklärte öffentlich, die Luftwaffe sei „ready to fight tonight“ und werde jeden Zentimeter NATO-Gebiet verteidigen.
Parallel dazu erleben wir die größte Aufrüstung Deutschlands seit Jahrzehnten. Milliarden fließen in neue Waffensysteme. Deutsche Truppen werden dauerhaft an die NATO-Ostflanke verlegt. Eine deutsche Panzerbrigade soll dauerhaft in Litauen stationiert werden. Langstreckenwaffen werden diskutiert. Die Verteidigungsausgaben steigen in historische Dimensionen. Immer häufiger dominiert militärische Sprache den öffentlichen Raum. Jeder einzelne dieser Schritte wird mit Verteidigung begründet. Doch genau hier beginnt die eigentliche Debatte.
Deutschland besitzt ein Grundgesetz, das unter dem Eindruck zweier Weltkriege entstanden ist. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes wollten ausdrücklich verhindern, dass Deutschland jemals wieder in eine Entwicklung gerät, an deren Ende Krieg von deutschem Boden ausgeht.
Deshalb heißt es in Artikel 26 Absatz 1 unmissverständlich:
„Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“
Das ist keine Randnotiz. Das ist eine der wichtigsten Lehren deutscher Geschichte.
Artikel 87a bestimmt:
„Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.“
Nicht zur Expansion. Nicht zur Machtprojektion. Nicht zur geopolitischen Einflussnahme. Sondern ausdrücklich zur Verteidigung.
Artikel 24 spricht von kollektiver Sicherheit „zur Wahrung des Friedens“.
Bereits die Präambel verpflichtet Deutschland dazu, „dem Frieden der Welt zu dienen“.
Niemand bestreitet das Recht Deutschlands auf Selbstverteidigung. Niemand bestreitet die Pflicht des Staates, seine Bürger zu schützen. Die eigentliche Frage lautet jedoch: Wo endet Verteidigung und wo beginnt eine Politik, die sich immer stärker an militärischer Konfrontation orientiert?
Was denken eigentlich russische Strategen, wenn deutsche Politiker von der „stärksten Armee Europas“ sprechen? Was denken Menschen, deren Familien den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion erlebt haben? Muss man wirklich überrascht sein, wenn solche Signale nicht überall als reine Friedensbotschaften verstanden werden?
Besonders bemerkenswert ist dabei die politische Verschiebung der Begriffe.
Wer Aufrüstung fordert, gilt als verantwortungsbewusst.
Wer von Kriegstüchtigkeit spricht, gilt als Realist.
Wer neue Waffen fordert, gilt als entschlossen.
Wer vor militärischen Risiken warnt, wird oft belächelt.
Wer Diplomatie fordert, muss sich rechtfertigen.
Wer Frieden fordert, wird nicht selten politisch eingeordnet, als sei bereits die Forderung nach Verhandlungen verdächtig.
Dabei war die Friedenssicherung jahrzehntelang Kern deutscher Nachkriegspolitik.
Willy Brandt erhielt den Friedensnobelpreis für Entspannungspolitik. Helmut Schmidt warnte eindringlich vor den Folgen militärischer Eskalationen. Selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wurden Gesprächskanäle offengehalten. Heute scheint sich das Gegenteil durchzusetzen. Die Sprache der Diplomatie wird immer leiser. Die Sprache der Abschreckung wird immer lauter. Gleichzeitig erleben wir eine weitere Entwicklung, die viele Menschen zutiefst verstört.
Während Europa einerseits erklärt, die Ukraine so lange wie nötig unterstützen zu wollen, diskutieren mehrere EU-Staaten inzwischen darüber, ob ukrainische Männer im wehrfähigen Alter künftig ihren besonderen Schutzstatus verlieren sollen. Deutschland, Österreich und andere Staaten haben offen erklärt, dass sie Zweifel daran haben, ob Männer im wehrpflichtigen Alter weiterhin automatisch unter die Schutzregelungen fallen sollen. Begründet wird dies unter anderem mit dem militärischen Bedarf der Ukraine.
Will die europäische Politik wirklich warten, bis die Ukraine ihre letzte Reserve aufgebraucht hat?
Will Europa tatsächlich, dass immer neue Generationen ukrainischer Männer an die Front geschickt werden, bis irgendwann kaum noch jemand übrig ist, während gleichzeitig jede Debatte über einen Waffenstillstand und ernsthafte Friedensverhandlungen in den Hintergrund tritt?
Wenn inzwischen sogar darüber diskutiert wird, wehrfähigen ukrainischen Männern den bisherigen Schutzstatus in Europa zu erschweren, dann muss die Frage erlaubt sein:
Worin besteht eigentlich das politische Endziel?
Soll der Krieg so lange fortgesetzt werden, bis die Ukraine militärisch, wirtschaftlich und demografisch erschöpft ist?
Oder sollte nicht längst alles darangesetzt werden, das Sterben zu beenden, bevor eine weitere Generation junger Männer auf den Schlachtfeldern Europas verloren geht?
Wer täglich von Kriegstüchtigkeit, Abschreckung und immer neuen Waffen spricht, sollte sich auch der Frage stellen, warum dieselbe Entschlossenheit bei der Suche nach einem Waffenstillstand und einer diplomatischen Lösung so selten sichtbar wird.
Hier stellt sich eine unbequeme moralische Frage.
Warum erleben wir keine vergleichbar intensive Debatte über einen Waffenstillstand? Warum hören wir täglich neue Forderungen nach Waffen, Munition, Drohnen, Raketen und Milliardenhilfen, aber kaum Forderungen nach einer großen europäischen Friedensinitiative. Warum wird darüber diskutiert, wie man mehr Männer im Kriegsgebiet hält, statt darüber, wie man weniger Männer in den Krieg schicken muss? Es entsteht der Eindruck, dass die politische Energie Europas heute stärker auf die Fortsetzung des Krieges gerichtet ist als auf dessen Beendigung.
Besonders problematisch erscheint dabei eine Frage, über die erstaunlich selten gesprochen wird: Wie kann es sein, dass politische Entscheidungsträger über Milliardenprogramme für Aufrüstung, Waffenbeschaffung und Rüstungsprojekte entscheiden, während gleichzeitig finanzielle Beteiligungen an Unternehmen dieser Branche grundsätzlich möglich sind? Bereits der Anschein eines Interessenkonflikts beschädigt das Vertrauen in demokratische Entscheidungen. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens gelten strenge Befangenheitsregeln. Warum sollte bei Entscheidungen über Krieg, Frieden und milliardenschwere Rüstungsaufträge ein geringerer Maßstab gelten?
Jeder Politiker, der erklärt, mehr Männer müssten kämpfen, sollte auch bereit sein, den Familien dieser Männer persönlich zu erklären, warum Verhandlungen nicht die höhere Priorität besitzen. Denn hinter jeder Statistik stehen Menschen.
Väter.
Söhne.
Brüder.
Ehemänner.
Die Ukraine hat bereits Hunderttausende Opfer zu beklagen. Russland ebenfalls. Ganze Generationen werden durch diesen Krieg gezeichnet.
Und dennoch scheint die politische Debatte in Europa oft nur eine Richtung zu kennen:
Mehr Waffen.
Mehr Geld.
Mehr Abschreckung.
Mehr Kriegstüchtigkeit.
Weniger sichtbar sind dagegen Forderungen nach einem sofortigen Waffenstillstand, nach direkten Gesprächen, nach diplomatischen Initiativen und nach einer Rückkehr zu einer Sicherheitsordnung, die nicht ausschließlich auf militärischer Stärke beruht.
Besonders besorgniserregend ist dabei die Gefahr einer schleichenden Eskalation zwischen NATO-Staaten und Russland. Je mehr westliche Langstreckenwaffen eingesetzt werden, je stärker einzelne NATO-Staaten operativ eingebunden werden, je häufiger über Angriffe weit hinter der Front gesprochen wird, desto größer wird das Risiko einer direkten Konfrontation zwischen Atommächten.
Die Geschichte Europas zeigt, dass Kriege selten mit einem einzigen großen Schritt beginnen. Sie entstehen oft durch eine Kette von Entscheidungen, Eskalationen, Fehleinschätzungen und politischen Automatismen. Jede Seite erklärt dabei, defensiv zu handeln. Jede Seite erklärt, nur auf Bedrohungen zu reagieren. Und genau deshalb ist die Entwicklung so gefährlich. Wer Frieden fordert, unterstützt nicht automatisch Russland. Wer Diplomatie fordert, ist kein Extremist. Wer Verhandlungen fordert, ist kein Verräter. Wer vor einer Eskalation warnt, ist nicht gegen sein Land.
Im Gegenteil.
Gerade die deutsche Geschichte verpflichtet dazu, jede Entwicklung kritisch zu hinterfragen, die Europa erneut in Richtung einer militärischen Konfrontation treiben könnte. Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet nicht, ob Deutschland verteidigungsfähig sein muss. Natürlich muss es das.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Wer verteidigt eigentlich noch den Friedensauftrag des Grundgesetzes?
Und vielleicht ist genau das die beunruhigendste Entwicklung überhaupt: Nicht diejenigen, die von Kriegstüchtigkeit, Aufrüstung, Langstreckenwaffen und militärischer Stärke sprechen, müssen sich heute rechtfertigen. Sondern immer häufiger diejenigen, die nach Diplomatie, Verhandlungen und Frieden fragen.
Eine Gesellschaft, in der die Forderung nach Frieden verdächtiger erscheint als die Forderung nach immer mehr Waffen, sollte dringend innehalten und sich fragen, ob sie noch auf dem Kurs unterwegs ist, den ihr Grundgesetz einst vorgegeben hat.
Wer erinnert daran, dass die Bundesrepublik gegründet wurde, um dem Frieden der Welt zu dienen? Wer erinnert daran, dass militärische Stärke niemals Selbstzweck sein darf? Und warum wird heute so ausführlich über Kriegstüchtigkeit gesprochen – aber so selten über Friedensfähigkeit? Diese Fragen sind weder rechts noch links. Sie ergeben sich unmittelbar aus der deutschen Geschichte. Sie ergeben sich unmittelbar aus dem Grundgesetz.
Und sie werden mit jedem Tag dringlicher.
Römerweg 34
79199 Kirchzarten Burg
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