Ökostrom-Projektentwickler Lukas Schuwald erklärt, warum Windkraftprojekte im Südwesten oft wirtschaftlich kaum umsetzbar sind. Hintergründe zum Standort Illenberg.
Die jüngsten Informationen aus der Veranstaltung des Arbeitskreises Klimaschutz in Au am 11. März 2026 sowie die Entscheidung, den Standort Illenberg nicht weiter zu verfolgen, werfen ein aufschlussreiches Licht auf die derzeitige Situation der Windenergieplanung im Südwesten. Die dort gemachten Aussagen bestätigen in bemerkenswerter Deutlichkeit viele der Punkte, die Bürgerinitiativen und kritische Fachleute seit Jahren vorbringen.
Nach Aussagen von Lukas Schuwald (Ökostrom) wird das Projekt Illenberg aktuell nicht umgesetzt. Als Gründe wurden mehrere Faktoren genannt: eine zu geringe Windhöffigkeit, hohe Kosten für den Netzanschluss, fehlende Infrastruktur sowie insgesamt ungünstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Damit bestätigt sich erneut, dass nicht jeder politisch ausgewiesene Standort technisch und wirtschaftlich sinnvoll realisiert werden kann.
Besonders bemerkenswert ist die grundsätzliche Einschätzung zur wirtschaftlichen Lage der Windenergie in Süddeutschland. Laut Schuwald seien die Rahmenbedingungen derzeit so schwierig, dass Projekte im Süden Deutschlands kaum noch wirtschaftlich darstellbar seien. Der sogenannte Einheitspreis für Strom, der sich aus den Auktionen zur Vergabe von Windkraftprojekten ergibt, sei massiv gefallen. Während große Windparks im Norden Deutschlands trotz niedriger Vergütung noch realisiert werden können – weil dort deutlich höhere Windgeschwindigkeiten, große zusammenhängende Flächen und geringere Netzausbaukosten vorliegen – sind diese Voraussetzungen in Baden-Württemberg oft nicht gegeben.
Diese strukturellen Unterschiede werden in der öffentlichen Diskussion häufig unterschlagen. Tatsächlich sind die Windverhältnisse im Schwarzwald und generell in Süddeutschland deutlich schwächer und zugleich topografisch komplizierter. Hinzu kommen steile Geländeformen, aufwendige Erschließungswege, schwierige Transportlogistik für Rotorblätter und Turmsegmente sowie hohe Kosten für Netzanschlüsse über große Entfernungen. All diese Faktoren treiben die Projektkosten erheblich in die Höhe.
Vor diesem Hintergrund ist eine weitere Aussage aus der Veranstaltung besonders relevant: Für die aktuell geplanten Standorte im Südwesten werde ein Strompreis von etwa 11 Cent pro Kilowattstunde benötigt, damit ein wirtschaftlicher Betrieb möglich sei. Dieser Wert liegt deutlich über vielen aktuellen Börsenstrompreisen und zeigt, wie stark die Wirtschaftlichkeit solcher Projekte von staatlichen Fördermechanismen abhängt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das sogenannte Referenzertragsmodell. Dieses Instrument des Erneuerbare-Energien-Gesetzes soll windschwache Standorte durch zusätzliche Vergütung fördern. Ohne diesen Bonus wären viele Projekte im Süden Deutschlands wirtschaftlich kaum tragfähig. Sollte dieses Modell künftig abgeschafft oder deutlich reduziert werden, könnte dies faktisch das Ende zahlreicher geplanter Windkraftprojekte in Baden-Württemberg bedeuten.
Auch die Kritik am Windatlas wurde auf der Veranstaltung offen ausgesprochen. Der Windatlas dient in der Planung als grundlegende Datengrundlage für die Bewertung möglicher Standorte. Laut Schuwald sei dieser jedoch in vielen Fällen unzuverlässig und liefere teilweise Werte, die mit realen Messungen nicht übereinstimmen. Konkrete Windmessungen würden häufig deutlich andere Ergebnisse zeigen als die Modellrechnungen des Atlas. Diese Diskrepanz ist problematisch, da politische Planung und Regionalplanung häufig auf diesen theoretischen Karten basieren.
Ein weiterer Hinweis aus der aktuellen Diskussion betrifft die langfristigen Erfahrungen mit bestehenden Windkraftanlagen in der Region Freiburg. Ein früher Kommanditist der damaligen Betreibergesellschaft „regiowind“, der über mehr als zwanzig Jahre hinweg die laufenden Ertragsberichte der Anlagen am Roßkopf und an der Holzschlägermatte verfolgen konnte, weist darauf hin, dass die tatsächliche Windhöffigkeit dieser Standorte über lange Zeiträume hinweg deutlich unter den ursprünglichen Ertragsprognosen gelegen habe. Nach seinen Angaben seien diese Messergebnisse und Betriebserfahrungen bislang kaum öffentlich ausgewertet oder in aktuelle Planungsdebatten einbezogen worden. Dabei könnten gerade solche realen Langzeitdaten wichtige Hinweise liefern, um die tatsächlichen Windverhältnisse und die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Windkraftprojekten im Schwarzwald realistischer zu beurteilen.
Während der Standort Illenberg offenbar aufgrund seiner ungünstigen Bedingungen aufgegeben wird, sollen andere Standorte weiterhin verfolgt werden. Insbesondere wurden Ochsenberg und Prangenkopf genannt, bei denen nach Angaben des Projektentwicklers eine bessere Windhöffigkeit vorliegen soll. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass der Ochsenberg der windstärkste Standort auf der Gemarkung Freiburg sei.
Doch auch hier stellen sich zahlreiche Fragen. Denn selbst wenn einzelne Standorte etwas bessere Windverhältnisse aufweisen, bleiben die strukturellen Probleme der Region bestehen: komplexe Topografie, hohe Bau- und Transportkosten sowie erhebliche Eingriffe in sensible Wald- und Landschaftsgebiete.
Ein weiteres Thema, das bei der Veranstaltung angesprochen wurde, betrifft die Erfahrungen mit bestehenden Anlagen am Taubenkopf. Diese waren bereits im Dezember 2024 technisch betriebsbereit und gingen im Mai 2025 in Betrieb. Anfangs kam es jedoch zu technischen Problemen, die als „Kinderkrankheiten“ bezeichnet wurden. Aktuell laufen die Anlagen nach Angaben des Betreibers störungsfrei.
Gleichzeitig berichten Anwohner aus dem Bereich Bohrer und aus Horben von tonhaltigem Lärm, der nachts deutlich wahrnehmbar sei und zu Schlafproblemen führe. Die Entfernung zwischen Taubenkopf und den Wohngebieten beträgt etwa 1,5 Kilometer. Besonders kritisch ist daher die geplante Situation am Prangenkopf, wo mögliche Anlagen nur rund 800 Meter von Günterstal entfernt stehen würden. Trotz dieser Beschwerden fühlen sich viele Anwohner bislang weder vom Betreiber noch von zuständigen Behörden ausreichend gehört.
Diese Entwicklungen zeigen insgesamt ein komplexes Bild: Während politische Programme den Ausbau der Windenergie weiterhin massiv vorantreiben, stoßen konkrete Projekte zunehmend an wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Grenzen. Die Realität vor Ort erweist sich häufig als deutlich komplizierter als es die abstrakten Planungsziele vermuten lassen.
Die Entscheidung, den Standort Illenberg nicht weiter zu verfolgen, ist daher mehr als nur ein lokales Ereignis. Sie macht deutlich, dass selbst Projektentwickler zunehmend anerkennen müssen, dass manche Standorte unter den aktuellen Bedingungen schlicht nicht sinnvoll realisierbar sind.
Für Bürgerinitiativen und engagierte Bürger bleibt es daher wichtig, sich weiterhin sachlich und informiert in die Planungsprozesse einzubringen. Dazu gehören insbesondere Stellungnahmen zu den Vorranggebieten in der zweiten Offenlage des Regionalverbands Südlicher Oberrhein, die derzeit diskutiert werden. Je mehr fundierte Einwände und Stellungnahmen in diesen Verfahren eingehen, desto sorgfältiger müssen die Planungsbehörden die tatsächlichen Auswirkungen prüfen.
Ebenso wichtig ist es, politische Entscheidungen über Förderinstrumente wie das Referenzertragsmodell aufmerksam zu verfolgen. Diese Instrumente bestimmen maßgeblich, ob Windkraftprojekte in windschwachen Regionen wirtschaftlich überhaupt umgesetzt werden können.
Die aktuellen Entwicklungen zeigen jedenfalls deutlich, dass die Diskussion über Windenergie im Schwarzwald weiterhin offen ist. Wirtschaftliche Realität, technische Machbarkeit, Natur- und Landschaftsschutz sowie die berechtigten Interessen der Anwohner müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.
Mit freundlichen Grüßen
Adrian Kempf
Adrian Kempf
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