Während die Branche selbst höhere Förderungen fordert, sollen rund um Stegen neue Anlagen am Bromberkopf, Hornbühl, Streckereck und Roßkopf entstehen.

Der derzeitige Ausbau der Windenergie in Baden-Württemberg wirft grundlegende Fragen zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit und zur energiepolitischen Steuerung dieses Systems auf. Immer deutlicher zeigt sich, dass große Teile der Windenergiebranche ohne staatliche Förderung nicht in der Lage sind, ihre Projekte wirtschaftlich zu realisieren. Aktuell haben sich 22 Unternehmen der Branche an die Bundesregierung gewandt und höhere Einspeisevergütungen gefordert. Hintergrund ist die Feststellung, dass neue Windparks im Südwesten unter den bestehenden Rahmenbedingungen kaum noch realisiert werden können. Die Gründe liegen vor allem in deutlich höheren Projektkosten: anspruchsvolle Topographie, aufwendige Genehmigungsverfahren, teure Erschließungswege, Kabeltrassen sowie komplexe Transportlogistik für die großen Anlagenkomponenten treiben die Kosten erheblich in die Höhe. Gleichzeitig entstehen in Baden-Württemberg meist nur kleine Windparks mit wenigen Anlagen, während im Norden Deutschlands große Parks mit deutlich geringeren Kosten pro Anlage gebaut werden können.

Diese strukturellen Unterschiede führen dazu, dass Projekte aus Süddeutschland bei den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur kaum noch konkurrenzfähig sind. In diesen Ausschreibungen erhält den Zuschlag, wer den Strom am günstigsten anbieten kann. Genau hier zeigt sich das grundlegende Problem: Wenn Windenergie in bestimmten Regionen wirtschaftlich wäre, müsste sie sich im Wettbewerb durchsetzen. Stattdessen droht Baden-Württemberg in aktuellen Ausschreibungsrunden vollständig leer auszugehen. Die Reaktion der Branche besteht nicht darin, das wirtschaftliche Potenzial der Projekte kritisch zu hinterfragen, sondern darin, zusätzliche Fördermechanismen zu verlangen. Damit bestätigt sich eine zentrale Erkenntnis:

Der Ausbau der Windenergie basiert in vielen Regionen Deutschlands nicht auf marktwirtschaftlicher Tragfähigkeit, sondern auf politisch organisierten Förderstrukturen.

Hier der Artikel in der Badischen Zeitung:
https://www.badische-zeitung.de/die-windbranche-in-baden-wuerttemberg-ruft-um-hilfe

Das zentrale Instrument dieser Förderung ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dieses Gesetz ersetzt den Marktmechanismus durch ein komplexes System garantierter Vergütungen. Ein besonders aufschlussreiches Element ist das sogenannte Referenzertragsmodell. Standorte mit geringeren Windgeschwindigkeiten erhalten höhere Vergütungen. Produziert ein Standort beispielsweise nur 60 Prozent des Stromertrags eines Referenzstandorts, garantiert das EEG eine bis zu 1,42-fache Vergütung. In süddeutschen Bundesländern kann dieser Faktor sogar auf bis zu 1,55 steigen, wenn der Standort nur etwa die Hälfte des Referenzertrags erreicht. Damit wird ein wirtschaftlich paradoxes Prinzip etabliert: Je schlechter der Standort, desto höher die staatliche Förderung. Anstatt die effizientesten Standorte zu nutzen, werden gezielt auch solche Regionen in den Ausbau einbezogen, die energetisch und wirtschaftlich deutlich ungünstiger sind.

Trotz dieser bereits bestehenden Fördermechanismen reichen die Vergütungen nach Aussage der Branche inzwischen nicht mehr aus, um die steigenden Projektkosten auszugleichen. Deshalb wird nun eine weitere Ausweitung der Förderung gefordert. Diese Entwicklung verdeutlicht ein strukturelles Problem der aktuellen Energiepolitik. Eine Technologie, die dauerhaft steigende staatliche Unterstützung benötigt, um überhaupt realisiert zu werden, befindet sich nicht in einem funktionierenden Marktumfeld. Vielmehr handelt es sich um ein politisch gesteuertes Investitionssystem, dessen Wirtschaftlichkeit wesentlich von regulatorischen Entscheidungen abhängt.

Die Folgen dieser Politik lassen sich inzwischen auch ganz konkret im Schwarzwald beobachten. Im Rahmen der Regionalplanung werden derzeit neue Vorrangflächen für Windenergie ausgewiesen, darunter unter anderem am Bromberkopf, Hornbühl und Streckereck. Einwendungen aus der Bevölkerung haben bislang kaum zu Änderungen geführt. Selbst nach der ersten Offenlage der Regionalplanung bleiben die vorgesehenen Flächen weitgehend unverändert bestehen. Gleichzeitig zeigt das Beispiel des Roßkopfs, wie sich Planungen im Verlauf sogar ausweiten können. Während ursprünglich von zwei Anlagen die Rede war, stehen inzwischen bis zu fünf Windenergieanlagen im Raum. Viele Bürger haben daher den Eindruck, dass die öffentliche Diskussion und Beteiligung eher eine formale Pflichtübung darstellt, während die grundsätzlichen Ausbauentscheidungen bereits politisch festgelegt sind.

Besonders problematisch ist dabei, dass diese Projekte in Regionen entstehen sollen, die aus energetischer Sicht vergleichsweise ungünstig sind. Mittelgebirgsstandorte im Schwarzwald zeichnen sich durch geringere und unregelmäßigere Windverhältnisse aus als die Küstenregionen im Norden Deutschlands. Gleichzeitig sind Bau, Erschließung und Transport aufgrund der Topographie erheblich aufwendiger. Wirtschaftlich tragfähige Projekte lassen sich unter diesen Bedingungen nur schwer realisieren. Genau deshalb fordert die Branche nun zusätzliche Fördermechanismen. Die daraus entstehende Situation ist paradox:

Windkraftanlagen werden nicht gebaut, weil sie besonders effizient Strom produzieren, sondern weil politische Förderinstrumente ihre Wirtschaftlichkeit künstlich herstellen sollen.

Hinzu kommt, dass der deutsche Strommarkt selbst starke strukturelle Verzerrungen aufweist. Deutschland besitzt bislang nur eine einheitliche Strompreiszone. Regionale Unterschiede zwischen Stromüberschussgebieten und Regionen mit hoher Nachfrage werden dadurch im Preis kaum abgebildet. In einem stärker regionalisierten Strommarkt könnten Erzeugungsanlagen in verbrauchsstarken Regionen möglicherweise höhere Erlöse erzielen. Stattdessen wird der Ausbau heute primär durch politische Förderinstrumente gesteuert. Standortentscheidungen orientieren sich daher weniger an wirtschaftlichen Marktsignalen als an regulatorischen Rahmenbedingungen und Subventionsstrukturen.

Neben der Frage der Wirtschaftlichkeit entstehen durch den Windkraftausbau zusätzliche langfristige Kosten und Risiken. Dazu gehören steigende Aufwendungen für den Netzausbau, Kosten für Netzstabilisierung und Redispatch-Maßnahmen sowie Unsicherheiten bei den Rückbaukosten alter Anlagen. Auch Eingriffe in Landschaft, Waldflächen und sensible Ökosysteme sind Teil der Gesamtbilanz. Gerade im Schwarzwald, einer der bedeutendsten Kulturlandschaften Süddeutschlands, stellt sich daher die Frage, ob der großflächige Ausbau von Industrieanlagen mit Höhen von über 250 Metern tatsächlich mit dem Schutz von Natur, Landschaft und Tourismus vereinbar ist.

Die aktuelle Entwicklung zeigt damit ein grundlegendes Spannungsfeld der deutschen Energiepolitik. Einerseits werden ambitionierte Ausbauziele formuliert, andererseits zeigt der Markt, dass viele dieser Projekte ohne weitere staatliche Unterstützung nicht wirtschaftlich umgesetzt werden können. Statt eines technologisch und wirtschaftlich ausgewogenen Energiesystems entsteht dadurch zunehmend ein stark reguliertes Fördersystem, das langfristig erhebliche finanzielle, ökologische und gesellschaftliche Konflikte mit sich bringt.

Gerade die Entwicklungen rund um Bromberkopf, Hornbühl, Streckereck und Roßkopf machen deutlich, dass diese Debatte nicht nur eine abstrakte energiepolitische Frage ist, sondern ganz konkrete Auswirkungen auf Landschaft, Gemeinden und Lebensräume im Schwarzwald hat. Wenn wirtschaftliche Realität, ökologische Folgen und demokratische Beteiligung zunehmend hinter politischen Ausbauzielen zurücktreten, entsteht bei vielen Bürgern der Eindruck, dass hier weniger eine rationale Energiepolitik betrieben wird als vielmehr ein politisch gesteuertes Großexperiment mit weitreichenden Folgen für Natur und Gesellschaft.


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