Repowering wurde angekündigt. Heraus kommt ein massiver Ausbau – mit offenen Fragen zu Wirtschaftlichkeit, Rückbau und Landschaftsraum.
Mit der Inbetriebnahme zweier neuer Windenergieanlagen am Roßkopf und der Genehmigung von drei weiteren Großanlagen am Südhang verändert sich die Dimension des Projekts grundlegend. Aus dem ursprünglich kommunizierten Austausch von vier Altanlagen gegen zwei modernere Windräder wird am Ende ein Ensemble von fünf Großanlagen mit Höhen bis zu 250 Metern.
https://www.badische-zeitung.de/das-erste-neue-windrad-am-freiburger-rosskopf-liefert-jetzt-strom
Künftig sollen diese fünf Anlagen zusammen rund 50 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen. Rechnerisch entspricht das etwa 14.000 bis 16.000 Haushalten. Technisch handelt es sich um moderne Hochleistungsanlagen – unter anderem vom Typ Enercon E-175 – mit rund 7 Megawatt Nennleistung und Rotorblättern von fast 90 Metern Länge.
Diese Zahlen beeindrucken. Sie verdienen jedoch eine nüchterne Einordnung.
Bei einer installierten Gesamtleistung von rund 30 Megawatt entsprechen 50 Millionen Kilowattstunden etwa 1.600 bis 1.700 Volllaststunden pro Jahr. Das liegt im unteren bis mittleren Bereich für Süddeutschland und deutlich unter typischen norddeutschen Standorten. Die Anlagen sind auf Schwachwindbedingungen optimiert – was technisch sinnvoll ist, wirtschaftlich jedoch eine engere Kalkulation bedeutet. Konkrete Angaben zu Windgutachten, realistischen Ertragsszenarien oder möglichen Abregelungen bei Netzengpässen bleiben bislang öffentlich weitgehend unerwähnt.
Besonders kritisch ist die kommunikative Verschiebung des Projekts. Zunächst wurde von Repowering gesprochen – vier alte Anlagen würden durch zwei leistungsstärkere ersetzt. Diese Darstellung erweckte den Eindruck einer Modernisierung bei gleichbleibender Anzahl. Tatsächlich kommen nun drei weitere Großanlagen am Südhang hinzu. Das ist keine bloße Erneuerung, sondern eine deutliche Erweiterung.
Der Ausbau am Südhang des Roßkopfes bedeutet erhebliche Eingriffe in den Wald oberhalb des Dreisamtals. Anlagen dieser Größenordnung erfordern Rodungen, dauerhaft versiegelte Fundamentflächen, Schwerlast-Zuwegungen und massive Bodenverdichtungen. Pro Fundament werden üblicherweise 1.500 bis 2.000 Tonnen Beton verbaut. In der öffentlichen Darstellung wird dies häufig auf „Vorarbeiten“ oder „Baumfällungen“ reduziert. Eine transparente Flächenbilanz, konkrete Angaben zu dauerhaften Versiegelungen oder detaillierte Informationen zu ökologischen Kompensationen sind bislang kaum sichtbar.
Hinzu kommt die Frage der kumulativen Wirkung im Landschaftsraum. Der Roßkopf steht nicht isoliert. Der Brombeerkopf, der ebenfalls Gegenstand aktueller juristischer Auseinandersetzungen ist, liegt in Sichtweite. Auch wenn es sich formal um getrennte Genehmigungsverfahren handelt, entsteht für die Region ein zusammenhängender Sicht- und Wirkraum. Großanlagen mit Höhen bis zu 250 Metern prägen nicht punktuell, sondern raumübergreifend. Für Bewohner des Dreisamtals und für Erholungssuchende entsteht kein Einzelstandort, sondern ein Anlagenensemble im gesamten Horizontbereich. Raumplanung darf diese kumulative Wirkung nicht ausblenden.
Ebenso offen bleiben wirtschaftliche Kernfragen. Baukosten, Netzanschlusskosten, Stromgestehungskosten oder konkrete EEG-Vergütungsbedingungen werden öffentlich kaum benannt. Bürgerinnen und Bürger können sich über Nachrangdarlehen beteiligen – eine legitime Finanzierungsform, die jedoch unternehmerisches Risiko bedeutet. Nachrangdarlehen werden im Insolvenzfall erst nach anderen Gläubigern bedient. Eine klare Einordnung dieser Beteiligungsform wäre im Sinne fairer Transparenz notwendig.
Von besonderer Bedeutung ist die Frage des Rückbaus. Die Anlagen sollen rund 25 Jahre betrieben werden. Danach stehen Fundamententfernung, Entsorgung der Rotorblätter und Wiederherstellung der Flächen an. Entscheidend ist daher, in welcher Höhe finanzielle Sicherheiten hinterlegt wurden, bei welcher Behörde diese verwahrt werden und nach welchem Berechnungsmodell sie kalkuliert wurden. Wer trägt die Verantwortung, wenn Rückbau unvollständig erfolgt oder Umweltschäden verbleiben? Transparenz in dieser Frage ist keine Nebensache, sondern Voraussetzung für Vertrauen.
Windenergie erzeugt Strom – daran besteht kein Zweifel. Doch Strommengen allein bilden nicht die Gesamtbilanz ab. Wind ist volatil. Netzstabilisierung, Reservekapazitäten, Speicherbedarf und mögliche Abregelungen gehören ebenso zur Systembetrachtung. Eine isolierte Betrachtung von Kilowattstunden greift zu kurz.
Der Roßkopf entwickelt sich zu einem Symbolprojekt. Gerade deshalb braucht es mehr als Projektkommunikation. Es braucht eine vollständige, offene und faktenbasierte Diskussion über Nutzen, Kosten, Risiken und langfristige Verpflichtungen. Technische Größe ersetzt keine Transparenz. Politische Zielvorgaben ersetzen keine wirtschaftliche und ökologische Gesamtbetrachtung.
Eine ehrliche Debatte ist kein Hindernis – sie ist die Grundlage verantwortlicher Entscheidungen.
====
Adrian Kempf
Römerweg 34
79199 Kirchzarten Burg
Nutzungsrecht / Zitatgenehmigung:
Die Wiedergabe oder auszugsweise Veröffentlichung dieses Textes ist mit Quellenangabe („Adrian Kempf, Kirchzarten“) gestattet.
Kürzungen sind zulässig, sofern sie den Sinn und Zusammenhang nicht verfälschen.
© Adrian Kempf, Kirchzarten im Dreisamtal,