Die Doppelmoral, die schreit
Während Zehntausende Berliner im Südwesten tagelang ohne Strom, Heizung, Telefon und Internet sitzen, wird ausgerechnet bei einem Anschlag auf kritische Infrastruktur so getan, als sei das eine Art „politische Botschaft“ – statt das zu benennen, was es ist: ein Angriff auf die Grundversorgung. Und wer meint, das treffe nur „Villenviertel“, sollte sich die Lage nüchtern anschauen: Betroffen waren laut Berichten zeitweise rund 45.000 Haushalte und über 2.000 Unternehmen, inzwischen laufen Reparaturen, Notstromaggregate und sogar Bundeswehr-Unterstützung – weil Pflegeeinrichtungen, Supermärkte, Infrastruktur und schlicht Menschen in der Kälte nicht warten können.
1) Der Kern: Sabotage als „moralisches Projekt“
Die Täterlogik ist perfide: Im Bekennerschreiben wird das Ganze als „Notwehr“, „Solidarität“ und „gemeinwohlorientiert“ verklärt – und gleichzeitig wird offen mit Klassenhass gespielt („Reiche“, „Villen“, „Saft abdrehen“). Das ist nicht „Aktivismus“. Das ist die Politisierung von Versorgungsausfall. Wer Stromnetze angreift, greift nicht „die da oben“ an – sondern trifft zuerst: Alte, Kranke, Pflegeheime, kleine Betriebe, Mieter, Menschen ohne Rücklagen. Selbst wenn die Täter behaupten, man habe „Menschenleben ausgeschlossen“: Das ist keine Zusicherung, das ist ein PR-Satz.
2) Warnzeichen: „Bekannt seit August“ – und trotzdem passiert’s?
Brisant ist der Vorwurf, dass Anschlagsabsichten schon Monate vorher in einschlägigen Szenemedien angekündigt worden seien. Wenn das zutrifft, ist das politisch eine Katastrophe: Dann reden wir nicht nur über Täter, sondern über ein Versagen von Beobachtung, Prävention und Konsequenz. Und genau hier beginnt die Doppelmoral: Bei anderen politischen Milieus reichen oft schon Chatgruppen-Gerede, um das ganze Staatsapparat-Besteck auszufahren. Hier dagegen passiert eine reale Tat – und die Debatte kreist sofort um Sprachregelungen, Einordnung, „nicht instrumentalisieren“.
3) Die verdrängte Gefahr: Unter 12 °C steigt die Sterblichkeit massiv
Was in der gesamten Debatte auffällig fehlt, ist die medizinische Realität:
Sinkt die Raumtemperatur in Wohnungen dauerhaft unter etwa 12 °C, steigt die Sterblichkeit signifikant – insbesondere bei älteren Menschen, chronisch Kranken, Pflegebedürftigen, Säuglingen und Menschen mit Herz-, Lungen- oder Stoffwechselerkrankungen.
Unterhalb dieser Schwelle gerät der menschliche Körper in permanenten Kältestress. Blutdruck und Herzfrequenz steigen, die Durchblutung der Extremitäten wird reduziert, das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Atemwegsinfektionen, Lungenentzündungen und Unterkühlung nimmt deutlich zu. Hinzu kommen Stürze, weil Muskeln und Reaktionsfähigkeit nachlassen – besonders fatal in dunklen Wohnungen ohne funktionierende Kommunikation.
Das ist kein theoretisches Szenario. Genau deshalb gelten in Katastrophenschutz- und Gesundheitsleitlinien beheizte Wohnräume als lebensnotwendig.
Wer bei Minusgraden über Tage hinweg Strom und Heizung kappt, nimmt Todesfälle billigend in Kauf, auch wenn er sie rhetorisch ausschließt. Der Satz „Wir haben Menschenleben nicht gefährdet“ ist unter diesen Umständen keine Einschätzung – sondern eine Verdrängung.
4) „Bitte nur offizielle Kanäle“ – die neue Beruhigungspille
Die Berliner Innensenatorin verteidigt das Krisenmanagement und warnt vor „Falschinformationen“. Das ist der Standardreflex: Kommunikationskontrolle statt Aufarbeitung. Natürlich kursiert Unsinn – aber die Frage, die wirklich zählt, lautet: Warum ist die Hauptstadt in einem Zustand, in dem eine Kabelbrücke und ein Brandanschlag so lange solche Folgen haben können? Wie belastbar ist der Katastrophenschutz? Wie redundant sind Netze, Ersatzteile, Personal, Prozesse? Und warum müssen Bürger in Kälte und Dunkelheit überhaupt mehrere Tage „durchhalten“, während Politik und Behörden sich in Pressefloskeln retten?
5) Die Mediennummer: 29 Sekunden Berlin – dafür „Pinguine“
Der nächste Tiefpunkt ist die mediale Gewichtung. Wenn selbst Zuschauer öffentlich fragen, warum ein Großausfall bei Minusgraden in der Hauptstadt in einer Hauptnachrichtensendung nur im Vorbeigehen vorkommt, dann ist das kein „rechter Spin“, sondern ein berechtigter Eindruck von Agenda-Setzung: Manche Ereignisse werden maximal aufgeblasen, andere minimal abgewickelt – abhängig davon, wer der Täter ist und welches Narrativ sonst gefährdet wäre.
6) Das groteske Detail: Generatoren „draußen“, Berlin improvisiert
Parallel wird berichtet, Deutschland habe über das THW erhebliche Notstrom-Kapazitäten in die Ukraine geliefert – insgesamt mindestens über 1.700 Generatoren (Beschaffung bundesweit koordiniert), plus weitere Infrastruktur wie Heizgeräte, Zelte, Transformatoren. Hilfe für die Ukraine kann man politisch befürworten oder ablehnen – aber die Frage nach der eigenen Resilienz ist nicht verhandelbar: Wie kann es sein, dass Bürger in Berlin in der Lage auf Baumärkte, Powerbanks und Campingkocher ausweichen müssen, während der Staat sichtbar an Grenzen kommt? Das ist kein Anti-Ukraine-Argument. Das ist eine Pflichtfrage an den Staat: Was ist die Priorität – PR-fähige Außenwirkung oder robuste Daseinsvorsorge im Inland?
7) Die eigentliche Doppelmoral: „Hass“ nur, wenn er politisch passt
Wenn in einem Text offen von „Reichen jagen“, „Villen“, „privat in Haftung nehmen“ die Rede ist, dann ist das Klassenhass. Punkt. Und wenn eine Gruppe zur Sabotage zentraler Infrastruktur aufruft, dann ist das nicht „Zivilgesellschaft“, sondern eine Entgrenzung politischer Gewalt. Trotzdem beobachten viele Bürger: Bei linker Militanz wird häufig relativiert, kontextualisiert, „sozial erklärt“. Bei rechter Militanz wird maximalisiert, kollektiviert, generalverdächtigt. Eine Demokratie, die mit zweierlei Maß misst, züchtet genau das Misstrauen, das sie später als „Problem“ beklagt.
8) „Rollatortruppe“ im Verhältnis: Laut bei Symbolthemen, still bei realer Gefahr
Wenn in Deutschland irgendwo ein „Zeichen gegen Rechts“ gebraucht wird, steht die moralische Infrastruktur sofort: Demos, Hashtags, Solidaritätsfotos, Promi-Statements.
Aber wenn eine linksextremistische Gruppe nach einem Angriff auf kritische Infrastruktur die Verantwortung reklamiert und Zehntausende in der Kälte sitzen, dann wird es auffällig leise – nicht bei allen, aber im „lauten Milieu“, das sonst jede Empörung zuverlässig organisiert.
Und genau das ist die Doppelmoral:
Moral ist hier nicht Prinzip – Moral ist Lagerzugehörigkeit.
Wer „die Richtigen“ angreift, wird relativiert, kontextualisiert und in Ursachen-Biotope eingeordnet. Wer „die Falschen“ auch nur an der falschen Stelle ansieht, bekommt die volle Eskalationsroutine.
Dass in den betroffenen Vierteln gleichzeitig Helferteams (Polizei, Ordnungsamt, Malteser usw.) von Tür zu Tür klopfen müssen, weil Klingeln ausfallen, zeigt, wie real diese Lage ist – und wie unerquicklich es ist, so zu tun, als handle es sich um „Aktivismus“ statt um einen Angriff auf Versorgung und Sicherheit.
9) Plünderungen: Der Blackout als Einladung – und die nächste Schieflage
In jeder größeren Störung gibt es zwei Sorten Menschen:
(1) die, die helfen – und (2) die, die die Situation ausnutzen.
Genau dazu passt der dokumentierte Vorfall: Ein 34-Jähriger wurde im Blackout-Gebiet von Polizisten kontrolliert, im Fahrzeug fand sich laut Medienberichten Einbruchswerkzeug (u. a. hydraulischer Spreizer), das Auto soll gestohlen gewesen sein; nach Identitätsfeststellung kam er wieder frei.
Die Berliner Morgenpost beschreibt zudem, dass Polizei in den betroffenen Vierteln sichtbar Präsenz zeigt, weil Wohnungen teils verlassen sind und Einbruchsrisiken steigen.
Das ist der Kern:
Der Anschlag ist der Auslöser – die Anschlusskriminalität ist der Preis, den normale Leute zahlen: Unsicherheit, leere Straßen, dunkle Häuser, ältere Menschen ohne Telefon, Pflegeeinrichtungen in Notbetrieb. Und genau da wirkt das Bekennerschreiben „Wir gefährden niemanden“ wie Hohn.
10) Flüchtlinge & Sonderbehandlung: Die Prioritätenfrage, die keiner ehrlich beantwortet
Fakt ist: Berlin gibt sehr große Summen für Unterbringung aus – 2024 laut interner Senatsberechnung rund 883 Mio. Euro, 2020 waren es 312 Mio. Euro; besonders teuer seien Großunterkünfte wie Tegel.
Und es gibt Berichte, dass Berlin bei hoher Auslastung auch Hostels/Hotels anmietet, die pro Person deutlich teurer sein können.
Gleichzeitig sehen Bürger beim Blackout:
Notstrom, Diesel-Logistik, Krisenkommunikation, Tür-zu-Tür-Information – alles läuft auf Anschlag, teils mit Bundeswehrhilfe.
Die Sonderbehandlung, die viele empfinden, ist nicht „die Flüchtlinge“ – es ist das System:
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Für bestimmte Politikfelder ist Geld „plötzlich da“, Entscheidungen gehen schnell, Rechtfertigungen sind moralisch aufgeladen.
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Für Resilienz, Redundanz, Katastrophenschutz, Infrastrukturhärtung gibt es oft jahrelang Ausreden, Zuständigkeitsgeschiebe und Sparlogik – bis es knallt.
„Der Skandal ist nicht, dass Berlin humanitäre Hilfe organisiert. Der Skandal ist, dass Berlin gleichzeitig so fragil geworden ist, dass ein Anschlag auf eine Kabelbrücke tagelang Zehntausende in die Kälte schickt – und dass die politische Klasse dann so tut, als sei das nur eine ‚Störung‘, die man kommunikativ verwalten könne.“
Drei harte Fragen, die jeder stellen muss
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Warum war die kritische Infrastruktur so verwundbar – technisch und organisatorisch – dass ein Brandanschlag so lange Wirkung entfaltet?
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Warum werden Ankündigungen/Schriften aus dem extremistischen Milieu nicht so behandelt, dass Taten verhindert werden – wenn gleichzeitig anderswo frühzeitig mit aller Härte durchgegriffen wird?
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Warum ist die mediale und politische Reaktion so asymmetrisch, abhängig von Täteretikett und Narrativ-Nutzen?
Quellen (bibliografisch, ohne Linkpflicht)
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WELT: „Weiter 25.500 Menschen im Berliner Südwesten ohne Strom“, veröffentlicht 06.01.2026.
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WELT: „Spranger verteidigt Krisenmanagement nach Stromausfall“, veröffentlicht 06.01.2026.
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dpa/WELT Newsticker: „Dritte Nacht ohne Strom und Wärme im Südwesten Berlins“, veröffentlicht 06.01.2026.
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Berliner Zeitung (Harald Neuber): „Während in Berlin das Licht ausgeht: 1.700 THW-Generatoren sichern Energie in der Ukraine“, 04.01.2026 (Update 06.01.2026).
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Apollo News (Marie Rahenbrock): „Schon seit August waren Anschlagspläne der ‘Vulkangruppe’ bekannt“, 05.01.2026.
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WELT: „Anschlag auf Stromnetz: Was das Bekennerschreiben der ‘Vulkangruppe’ verrät – und was nicht“, 05.01.2026.
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SRF: „Stromausfall nach Anschlag – Zehntausende Berlinerinnen und Berliner noch immer ohne Strom“, 05.01.2026.